Farben des Verrats

Chapter 3 — Der Duft von Lavendel und Zweifel

Stefanie starrte auf den dunkelblauen Kaschmirschal, der wie ein stummer Vorwurf über dem Arm der Garderobiere hing. Jans Schal. Ein winziger, aber entscheidender Beweis dafür, dass er wirklich hier gewesen war, dass seine Worte keine Hirngespinste waren. Die kühle Münchner Luft, die eben noch erfrischend auf ihrer Haut lag, fühlte sich nun stickig und bedrückend an. Jeder Winkel der Galerie schien ihr feindselig entgegenzublicken, jeder Besucher ein potentieller Spion, der ihr Geheimnis aufdecken konnte.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als der aufdringliche Gast, Herr Gruber, sich wieder näherte. "Meine liebe Emilia, Sie sind ja wie vom Erdboden verschluckt!"", seine Stimme triefte vor falscher Besorgnis. "Ich hoffe, die unerfreuliche Unterbrechung hat Ihre Stimmung nicht zu sehr getrübt?"

Stefanie nickte steif. "Ganz und gar nicht, Herr Gruber. Nur ein kleiner Moment der Reflexion." Sie musste ihn abwimmeln, musste nachdenken. Jans plötzliches Verschwinden, der Schal – alles fühlte sich wie eine inszenierte Warnung an. Er wusste mehr, als er preisgab. Aber was genau wollte er? Und warum gab er ihr diesen winzigen Hinweis?

Nachdem Gruber endlich weitergezogen war, eilte Stefanie zur Garderobe. "Entschuldigen Sie bitte", sagte sie zur Garderobiere, einer jungen Frau mit müden Augen, "dieser Schal... gehört er wirklich einem Herrn, der gerade gegangen ist?"

Die Frau zuckte die Achseln. "Er hat ihn vorhin abgegeben, als er kam. Herr Jan, hat er gesagt. Sehr distinguiert. Dann war er plötzlich weg, und der Schal blieb hier. Ein bisschen seltsam, nicht wahr?"

Stefanie spürte, wie ihr Herz in die Knie sank. "Hat er... hat er etwas gesagt, bevor er ging? Oder jemanden erwähnt?"

Die Garderobiere kicherte leise. "Nur, dass er wohl etwas vergessen hatte und es eilig hatte. Aber er roch so gut... nach Lavendel und einem Hauch von alten Büchern. Ein ungewöhnlicher Duft."

Lavendel und alte Bücher. Stefanie verband sofort eine vage Erinnerung. Jans Wohnung roch immer so. Es war sein Lieblingsduft, den er in kleinen Säckchen in seinen Schränken verteilte. Er nutzte dies, um seine Anwesenheit zu hinterlassen, eine subtile Botschaft. Aber welche?

Sie nahm den Schal, seine feine Wolle fühlte sich kühl auf ihrer Haut an. Jans Präsenz war unverkennbar. Ihr Kopf raste. Er hatte sie in der Hand, er wusste, wer sie wirklich war. Und nun spielte er ein gefährliches Spiel mit ihr. Aber warum?

Mit dem Schal fest umklammert, verließ Stefanie die Galerie. Die Nacht war klar und kalt, die Sterne funkelten wie winzige Diamanten auf schwarzem Samt. Sie musste nachdenken, musste verstehen, was Jan vorhatte. Ihre Hände zitterten leicht. Sie wusste nur eines mit Sicherheit: Ihr Leben, das sie sich mühsam als Emilia Schreiber aufgebaut hatte, stand auf Messers Schneide. Und die Person, die sie am meisten fürchtete – oder vielleicht insgeheim doch nicht? – spielte eine entscheidende Rolle dabei.

Plötzlich blieb sie stehen. Ein dunkles Auto parkte am gegenüberliegenden Straßenrand, die Scheinwerfer waren aus. Ein Schatten bewegte sich im Inneren. Sie konnte nicht erkennen, wer es war, aber ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. War das eine zufällige Beobachtung, oder war sie bereits im Visier?

Sie versuchte, ihre Panik zu unterdrücken. Sie musste einen klaren Kopf bewahren. "Jan", flüsterte sie in die dunkle Nacht hinaus, ihr Atem bildete kleine Wolken vor ihrem Gesicht. "Was willst du von mir?"

In diesem Moment öffnete sich die Fahrertür des dunklen Autos, und eine Gestalt stieg langsam aus. Das Mondlicht fiel auf ihr Gesicht, und Stefanie keuchte ungläubig auf. Es war nicht Jan.