Geliehenes Leben
Chapter 3 — Das Flüstern des alten Briefes
Die kühle Berührung des Messings des Medaillons in Svens Hand war ein Schock, eine physische Brücke zu einer Vergangenheit, die sie eigentlich hinter sich gelassen hatte. Der Brief, vergilbt und zerbrechlich, roch nach Staub und vergessenen Träumen. Ihre Finger strichen über die elegante, schwungvolle Handschrift, die sie nicht erkannte. Wer schickte ihr diese Reliquien aus der Vergangenheit, und warum jetzt? Die Frage hing schwer in der Luft ihres Ateliers, wo die scharfen Linien moderner Kunst auf die Schatten einer fremden Identität trafen.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, das Mondlicht fiel auf das Papier. Die Worte waren kryptisch, eine Mischung aus Warnung und Bedauern. „Sie wissen mehr, als Sie vorgeben“, stand da. „Die Expansion nach Paris birgt Gefahren, die Sie unterschätzen. Hüten Sie sich vor denen, die Ihnen am nächsten stehen.“ Karl. Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf wie ein Blitz. War er der Absender? Aber warum sollte er ihr mit solchen Andeutungen helfen wollen, wenn er ihr doch bereits misstraute? Oder war es jemand anderes, jemand, der von ihrer wahren Identität wusste und sie manipulierte?
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Mit zitternden Händen versteckte sie den Brief und das Medaillon in einer Schublade ihres Nachttisches. Sie atmete tief durch, bevor sie die Tür öffnete. Vor ihr stand ihre Haushälterin, Frau Schmidt, mit einem Tablett, auf dem eine dampfende Tasse Tee und ein paar Kekse standen.
„Ich dachte, Sie könnten eine kleine Stärkung gebrauchen, gnädige Frau Lorenz“, sagte Frau Schmidt mit einem freundlichen Lächeln. „Sie sahen heute Abend so nachdenklich aus.“
Svenja zwang sich zu einem Lächeln. „Vielen Dank, Frau Schmidt. Das ist sehr aufmerksam von Ihnen.“ Sie nahm das Tablett entgegen, ihre Gedanken rasten. Frau Schmidt war schon seit Jahren bei der echten Allegra. Wusste sie etwas? Die Loyalität dieser Frau war unbestritten, aber die Paranoia begann, sich in Svens Gedanken festzusetzen.
Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Die Worte des Briefes hallten in ihr wider: „Hüten Sie sich vor denen, die Ihnen am nächsten stehen.“ Karl war ihr Cousin, aber auch ihr einziger wahrer Verwandter in Berlin. Dann war da noch Frau Schmidt, die ihr wie eine zweite Mutter erschien. Beide waren ihr nah, und beide konnten ein potenzielles Risiko darstellen. Die Gefahr schien nicht mehr nur von außen zu kommen, sondern aus dem engsten Kreis.
Sie öffnete die Schublade erneut und betrachtete das Medaillon. Es war schwer und kühl in ihrer Hand. Als sie es aufklappte, enthüllte es nicht etwa ein Bild, sondern eine winzige, kunstvoll gefaltete Nachricht. Mit spitzen Fingern entfaltete sie das winzige Papier. Darauf stand nur ein einziges Wort, geschrieben in blauer Tinte, die zu verblassen begann: „Vertrauen.“
Ein plötzlicher Gedanke traf sie mit voller Wucht. Was, wenn die Warnung nicht vor Karl oder Frau Schmidt galt, sondern vor jemandem, den sie noch nicht einmal in Betracht gezogen hatte? Jemand, der vielleicht sogar in diesem Moment durch die dunklen Straßen Berlins auf dem Weg zu ihr war? Die Stille ihres Ateliers fühlte sich plötzlich bedrohlich an, und sie blickte nervös zur Tür.
Gerade als sie sich aufrichtete, hörte sie ein Geräusch von draußen. Kein Klopfen diesmal, sondern das leise, schleifende Geräusch eines Schlüssels im Schloss ihrer Wohnungstür. Jemand benutzte einen Schlüssel, den er nicht haben sollte.