Die dunkle Verlobung
Chapter 3 — Das Flüstern der Seidenkrawatte
Der Klang der Polizeisirenen hallte durch die hohen Räume von Schloss Hohenberg, ein schriller, unheilvoller Ton, der die Stille brach, die seit dem frühen Morgen über dem Anwesen lag. Katharina stand wie erstarrt im Vestibül, ihr Herz pochte einen wilden Rhythmus gegen ihre Rippen. Der Anblick von Willi, der mit einer Waffe in der Hand dastand, hatte sie zu Boden geworfen, aber die Ankunft der Beamten schien ihr eine neue, verzweifelte Energie zu injizieren. Sie musste hier raus. Jetzt.
Willi, dessen Gesicht eine Maske der kalten Beherrschung trug, drehte sich langsam um, als die ersten Schritte auf dem Kiesweg vor der schweren Eichentür zu hören waren. Seine Augen, dunkel und unergründlich, trafen Katharinas, und für einen flüchtigen Moment sah sie einen Anflug von... Überraschung? Oder war es nur die kalkulierte Reaktion eines Raubtiers, das wusste, dass seine Beute zu entkommen drohte?
„Ein Unfall, Katharina“, hatte er gesagt, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, das sie umhüllen sollte wie ein Seidenschal. „Ein tragischer Unfall. Dein Vater… er war nicht mehr der Jüngste. Die Nerven, das Erbe, der Druck…“ Er ließ die Worte in der Luft hängen, eine giftige Mischung aus Wahrheit und Lüge, die sie zu erdrücken drohte.
Als die schwere Tür aufgeschwungen wurde und zwei Uniformierte eintraten, hatte Willi die Waffe mit einer schnellen, fließenden Bewegung eingesteckt. Sein Lächeln war wieder da, einstudiert und glatt wie polierter Marmor. „Herr Kommissar. Was für eine unerwartete… Überraschung.“ Seine Stimme war sanft, aber die Macht, die von ihm ausging, war unverkennbar.
Katharina spürte, wie ihre Knie nachgaben. Sie musste etwas sagen, irgendetwas, das die Wahrheit ans Licht bringen würde, aber ihr Hals war wie zugeschnürt. Die Angst, die Willi in ihr ausgelöst hatte, war eine physische Präsenz, die sie gefangen hielt. Sie sah, wie die Augen des Kommissars auf ihr ruhten, dann auf Willi, eine vorsichtige Beobachtung.
„Wir sind wegen eines Vorfalls hier“, sagte der Kommissar, seine Stimme fest. „Eine Meldung, die uns erreichte. Es gab… ein Geräusch. Und dann Stille.“ Sein Blick wanderte zum oberen Ende der Treppe, wo die dunkle Form ihres Vaters noch immer in der Vorstellungskraft Katharinas lag, obwohl sie wusste, dass er weggeräumt worden war.
Willi trat einen Schritt zur Seite, seine Silhouette schirmte Katharina fast vollständig ab. „Ein bedauerlicher Unfall, wie ich bereits meiner zukünftigen Braut erklärt habe“, sagte er, sein Arm streifte leicht ihre Taille, eine Geste, die Trost vortäuschen sollte, aber sie zuckte innerlich zusammen. „Mein Schwiegervater in spe… er hatte ein schwaches Herz. Ein kleiner Schreck, und… nun ja.“ Er zuckte mit den Schultern, eine Geste der Hilflosigkeit, die ihm nicht stand.
Der Kommissar nickte langsam, seine Augen verengten sich. „Wir werden trotzdem eine Untersuchung durchführen müssen, Herr Winkler. Das ist Standardprozedur bei… Todesfällen, die unter solchen Umständen eintreten.“
Katharina nutzte den Moment der Ablenkung. Während die Männer sprachen, lockerte sie unauffällig den Saum ihres Kleides. Ein kleiner, unscheinbarer Gegenstand war dort eingenäht, den sie als Kind dort versteckt hatte – ein winziges Medaillon mit einem Bild ihrer Mutter. Aber tief in ihrer Tasche, nur einen Atemzug von ihren Fingern entfernt, spürte sie etwas anderes. Ein kleines, scharfes Stück Glas, das sie in ihrer Verzweiflung von einem zerbrochenen Spiegel abgebrochen hatte, als sie in ihrem Zimmer gefangen war. Nur für den Fall.
Willi spürte ihre Bewegung, das leichte Zucken ihres Körpers. Seine Hand legte sich fester um ihre Taille, seine Finger drückten leicht zu, eine stille Warnung. „Wir arbeiten voll und ganz mit Ihnen zusammen, Kommissar“, versicherte Willi mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Alles ist hier in Ordnung. Nur ein Moment der Trauer.“
Der Kommissar nickte erneut, aber seine Augen verweilten einen Moment zu lange auf Katharinas blassem Gesicht. „Wir brauchen eine offizielle Aussage, Fräulein Lindner. Sobald Sie dazu in der Lage sind.“
Katharina biss sich auf die Lippe. Eine Aussage. Was sollte sie sagen? Die Wahrheit würde sie und vielleicht auch die Brauerei zerstören. Aber die Lüge… die Lüge war ein Gift, das sie von innen heraus zerfraß.
Plötzlich, aus dem Nichts, hörte sie ein Geräusch. Ein leises, metallisches Klappern von der Seite des Raumes, wo die Garderobe stand. Ihre Augen schossen dorthin. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand anderes hier befand.
Im Schatten der schweren Vorhänge stand ein Mann, den sie nicht kannte. Er trug unauffällige Kleidung, aber seine Haltung strahlte eine stählerne Ruhe aus, die ihr eine Gänsehaut bescherte. In seiner Hand hielt er einen einzelnen, goldenen Manschettenknopf. Sie erkannte ihn sofort – es war der Knopf, der ihrem Vater am Morgen des tragischen Unfalls auf der Brust seiner Weste gefehlt hatte. Und sie sah, wie der Mann ihn langsam mit Daumen und Zeigefinger polierte, bevor er ihn mit einer einzigen, schnellen Bewegung in seine Hosentasche gleiten ließ. Er blickte sie nicht an. Er blickte nur auf Willi. Und in diesem Moment wusste Katharina mit absoluter Sicherheit: Der Unfall war kein Unfall gewesen. Und dieser Mann war kein zufälliger Besucher.
Sie fühlte, wie ihr Magen sich verkrampfte. Sie war nicht allein gefangen. Sie war Teil eines größeren, dunkleren Spiels, dessen Regeln sie noch nicht verstand. Und der Mann im Schatten, der den Manschettenknopf ihres Vaters hielt, war ein weiterer, unheimlicher Schachzug in Willis perfidem Plan.