Codename Nightingale

Chapter 3 — Der Schatten auf dem Heiligenberg

Die Universitätbibliothek von Heidelberg lag in ihrem üblichen, friedlichen Schlaf. Staubpartikel tanzten in den seltenen Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster fielen und den Duft von altem Papier und poliertem Holz verströmten. Selina Roth, die tagsüber die stille Hüterin dieses Wissens war, fühlte sich in diesen Mauern wie eine Fremde. Seit der Silvesternacht, seit Florians Worten, hing eine ständige Anspannung über ihr, eine leise Dissonanz, die den vertrauten Harmonien ihres Lebens widersprach.

Sie sortierte Bücher, ihre Finger strichen über die ledernen Einbände, doch ihr Geist war weit weg. Die Einladung zur Sternwarte geisterte wie ein Gespenst in ihren Gedanken. Ein Treffen mit Florian, einem Mann, dessen Gesicht sie kaum kannte, dessen Stimme jedoch wie ein Echo ihrer eigenen Ängste klang. Er hatte sie gewarnt. Vor wem? Und warum sollte er ihr helfen wollen? Die Neugier nagte an ihr, stärker als die Vernunft, stärker als die Angst.

Ihr Arbeitsplatz war ihr Zufluchtsort gewesen, aber jetzt fühlte er sich wie ein Käfig an. Jedes Geräusch, jeder Schatten ließ sie zusammenzucken. War das die paranoia, die Florian in ihr gesät hatte, oder eine tatsächliche Gefahr, die sich näherte? Sie dachte an die Drohnachricht, an die anonymen Drohungen, die sie als Nightingale erhalten hatte. Waren diese Verfolger dieselben, vor denen Florian sie gewarnt hatte?

Ein leises Klingeln riss sie aus ihren Gedanken. Es war ihr Handy, das sie im Spind versteckt hatte. Eine Textnachricht. Von einer unbekannten Nummer.

*Ich sehe dich. Sei heute Nacht um 22 Uhr bei der alten Sternwarte. Allein.*

Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. War das Florian? Oder waren es die Verfolger, die sie manipulierten, sie in eine Falle lockten?

Sie musste eine Entscheidung treffen. Hier in der Sicherheit der Bibliothek zu verharren, würde nichts ändern. Die Gefahr würde sie vielleicht sogar hier finden. Oder sie musste dem Unbekannten begegnen, sich dem Risiko stellen, um Antworten zu bekommen. Die Bilder der alten Sternwarte stiegen vor ihrem inneren Auge auf – ein verlassener Ort, hoch über der Stadt, umgeben von Dunkelheit. Perfekt für ein geheimes Treffen.

Nach langem Zögern tippte sie eine Antwort:

*Ich werde da sein. Aber wenn das eine Falle ist…*

Sie brach den Satz ab und schickte die Nachricht ab. Ein Gefühl von kalter Entschlossenheit durchflutete sie. Sie würde gehen. Sie würde herausfinden, wer Florian war und was er von ihr wollte. Sie würde sich dem stellen, was auch immer sie in der Dunkelheit der Sternwarte erwartete.

Nach Feierabend nahm sie einen Umweg nach Hause, mied die beleuchteten Straßen und suchte die Schatten auf. Sie überprüfte ihre Umgebung ständig, ein Reflex, der sich in den letzten Tagen verfestigt hatte. Jedes Auto, das zu langsam fuhr, jede Gestalt, die am Straßenrand stand, schien eine Bedrohung darzustellen. Doch nichts Ungewöhnliches geschah.

Als die Nacht hereinbrach und sich der Mond als blasser Sichel über den Himmel schob, machte sich Selina auf den Weg zum Heiligenberg. Die kühle Nachtluft biss auf ihrer Haut. Der Aufstieg zur Sternwarte war steil und uneben, gesäumt von knorrigen Bäumen, deren Äste wie knochige Finger in den Himmel griffen. Nur das Knirschen ihrer Schritte auf dem Kies und das ferne Rauschen der Stadt waren zu hören.

Sie erreichte die Lichtung, auf der die alte Sternwarte thronte. Ein verfallener, steinerner Koloss, dessen Kuppel wie ein geschlossenes Auge in die Nacht starrte. Kein Licht war zu sehen, kein Laut drang nach draußen. War sie zu früh? Oder war das alles nur eine Täuschung? Sie schlich sich näher an das Gebäude heran, ihre Sinne auf höchste Alarmbereitschaft geschaltet.

Da hörte sie es. Ein leises Geräusch, das aus dem Inneren der Sternwarte kam. Ein Rascheln, gefolgt von einem gedämpften Flüstern. Sie hielt den Atem an und lauschte. Das Flüstern wurde deutlicher. Es waren zwei Stimmen, Männerstimmen, leise und bedrohlich.

„Sie wird kommen. Sie hat auf unsere Nachricht geantwortet.“

„Gut. Die Kommissarin soll nicht noch mehr wertvolle Informationen preisgeben. Sie ist eine zu große Gefahr.“

Selinas Blut gefror in ihren Adern. *Kommissarin?* Was meinten sie damit? Sie war Bibliothekarin, keine Kommissarin. Und wer war dieser Florian wirklich, wenn ihn diese Männer kannten? Plötzlich hörte sie Schritte, die sich der Tür näherten. Panik stieg in ihr auf. Sie musste sich verstecken, doch es gab keinen Ort. Im letzten Moment entdeckte sie einen Spalt in einer morschen Holztür, die zu einem Nebenraum führte. Sie zwängte sich hinein, gerade als die Haupttür aufging und zwei dunkle Gestalten eintraten. Sie konnte nur die Umrisse ihrer Körper im schwachen Mondlicht erkennen. Einer der Männer trug etwas in der Hand. Etwas, das im Dunkeln metallisch glänzte.

Dann hörte sie eine vertraute Stimme, die aus dem Schatten trat. Nicht die Stimme von Florian. Eine andere. Eine, die sie nur aus den Nachrichten kannte. Eine, die ihr einen tiefen Schauder über den Rücken jagte.

„Willkommen, Nightingale“, sagte eine tiefe, kalte Stimme. Und im selben Moment erhellte ein greller Lichtkegel die Dunkelheit, direkt auf Selinas Versteck gerichtet.