Kaffee und Verrat
Chapter 3 — Das leise Flüstern am Neckarufer
Der kühle Morgenwind am Neckarufer strich Romy über das Gesicht, die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Die Sonne kämpfte sich zaghaft durch die dichten Wolken, tauchte die alte Brücke und dieumannsgasse in ein gedämpftes Licht. Sie war nervös. Die anonyme Stimme am Telefon – männlich, tief, aber mit einem seltsamen Unterton von Verzweiflung – hatte ihr versprochen, die Wahrheit über ihren Vater und die angeblichen Schulden zu enthüllen. Wahrheit. Ein Wort, das Romy seit Wochen wie ein kostbares Gut suchte.
Sie spähte durch die Gasse. Ein Mann stand dort, den Rücken zu ihr gewandt, sein dunkler Mantel hob sich vom grauen Pflaster ab. Er sah nicht wie jemand aus, den sie kannte, weder aus Moritz' Kreisen noch aus der Nachbarschaft ihres Vaters. War das der Anrufer? Sie zögerte, ihr Herz pochte gegen ihre Rippen. Jeder Schritt nach vorne fühlte sich an wie ein Sprung ins Ungewisse.
Als sie sich ihm näherte, hob er langsam den Kopf. Es war nicht der Anrufer. Es war Moritz von Donnersberg. Sein Blick war kühl, fast unbeteiligt, aber in seinen Augen lag ein Funken, den sie nicht deuten konnte – eine Mischung aus Triumph und etwas, das fast wie Bedauern aussah.
„Guten Morgen, Fräulein Ullrich“, sagte er mit seiner gewohnt geschliffenen Stimme. „Haben Sie den Weg allein gefunden?“
Romy erstarrte. „Was machen Sie hier? Ich warte auf jemanden.“
Moritz machte einen Schritt auf sie zu, die Distanz zwischen ihnen schrumpfte. „Ich wusste, dass Sie hier sein würden. Der Anruf, der Ihnen versprach, Antworten zu liefern… das war ich.“
Ein Schock durchfuhr Romy. „Sie? Aber warum?“
„Weil ich es satt habe, dass Sie sich an diese Märchen von unfairen Schulden klammern. Ich wollte sehen, wie weit Sie bereit sind zu gehen, um die Wahrheit zu finden. Und ich wollte sicherstellen, dass Sie meine Bedingungen verstehen.“ Er hielt ihr ein zerknittertes Papier hin. „Hier ist der Vertrag. Akzeptieren Sie ihn, und die Sache mit den Schulden ist vergessen. Sie können Ihr kleines Café behalten.“
Romy starrte auf das Papier, ihre Hände zitterten. Dieses Dokument, das ihr alles nehmen konnte, lag nun in ihren Händen, angeboten von dem Mann, den sie verabscheute. Doch die Lüge, die hinter Moritz' Augen lag, ließ sie zweifeln. War das alles nur ein Spiel für ihn? Sie blickte auf, ihre Augen trafen seine. „Und wenn ich nicht unterschreibe?“
Ein Schatten legte sich über Moritz' Gesicht. „Dann…“ Er hielt inne, seine Worte schienen ihm schwerzufallen. „Dann werden Sie die Konsequenzen tragen, Romy. Die wahren Konsequenzen.“
Plötzlich hörte sie ein Geräusch hinter sich. Ein leises Rascheln, als würde jemand durch das Gebüsch am Ufer schleichen. Bevor sie sich umdrehen konnte, packte Moritz sie am Arm und zog sie hinter sich. Sein Gesicht war plötzlich angespannt, seine Augen weit aufgerissen und fixierten etwas in den Schatten der Bäume. „Verschwinden Sie! Sofort!“, zischte er ihr zu, aber nicht so sehr zu ihr gerichtet, als ob er sich selbst zur Eile trieb. Ein Mann trat aus den Schatten, doch es war weder der Anrufer noch Moritz. Es war ein Polizist, sein Blick fiel direkt auf Romy und dann auf Moritz' Hand, die immer noch ihren Arm umklammerte.
„Herr von Donnersberg? Fräulein Ullrich? Ich habe eine dringende Nachricht für Sie beide.“