Die Elbphilharmonie-Affäre

Chapter 3 — Der viktorianische Schlüssel im Zwielicht

Marlene starrte auf den kleinen, kunstvoll verzierten viktorianischen Schlüssel, der kühl in ihrer Handfläche lag. Er fühlte sich schwer an, nicht nur wegen des Metalls, sondern auch wegen des Gewichts des Geheimnisses, das er barg. Sophies Worte hallten in ihrem Kopf wider: „Er sagte, wir beide seien Teil eines Spiels, Marlene.“ Ein Spiel. Aber wer war der Spieler und wer das Spielzeug? Ihr Blick wanderte zu dem Fenster, das den Blick auf die Hamburger Skyline freigab. Die Sonne begann unterzugehen und tauchte die Stadt in ein warmes, aber auch melancholisches Licht. Dieses Licht schien die Schatten zu vertiefen, die sich um Thomas von Wolfsberg legten.

Er hatte den Schlüssel durch Sophie geschickt. Warum? Warum diese indirekte Methode? Thomas war niemand, der subtil vorging, zumindest nicht bei ihren bisherigen Begegnungen. Die Konfrontation mit ihrem Vater vor seinem Büro, von der Sophie flüsternd erzählt hatte, ließ Marlena erschaudern. Ihr Vater war ein stolzer Mann, der die Familie von Wolfsberg seit jeher mit Argwohn betrachtete. Dass Thomas von Wolfsberg ihn direkt konfrontiert hatte, und dann auch noch über Marlene und den Schlüssel Bescheid wusste… das war mehr als nur ein Spiel. Das war eine Provokation.

Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Es war Frau Weber, ihre langjährige Haushälterin, die ihr eine Tasse dampfenden Kräutertee brachte. „Sie sehen blass aus, Fräulein Marlene“, bemerkte sie besorgt. „Brauchen Sie vielleicht etwas? Einen Anruf bei Ihrem Vater?“

Marlene schüttelte den Kopf. „Nein, danke, Frau Weber. Es ist nur… viel zu bedenken.“ Sie nahm die Tasse, die Wärme drang langsam in ihre kalten Hände. Sie musste klar denken. Ihr Vater würde sie bald anrufen, um nach Sophie zu fragen und um ihr von der Begegnung mit Thomas zu berichten. Sie musste vorbereitet sein.

Sie zog sich in ihr Arbeitszimmer zurück. Die Wände waren mit alten Familienporträts geschmückt, deren ernste Blicke sie zu mustern schienen. Die Falks und die von Wolfsbergs. Eine Geschichte von Rivalität und Misstrauen, die Generationen zurückreichte. Und nun war sie, Marlene, plötzlich im Zentrum dieses alten Konflikts. Thomas von Wolfsberg hatte ihr ein Angebot gemacht – ein Angebot zur Zusammenarbeit. Hatte das etwas mit dem Schlüssel zu tun? Und was war dieses Spiel, in das Sophie sie beide hineingezogen hatte?

Sie betrachtete den Schlüssel erneut. Er war eindeutig alt, vielleicht aus dem 19. Jahrhundert. Die Gravuren waren fein und detailreich, zeigten Ranken und eine Art Monogramm, das sie nicht entziffern konnte. Sie beschloss, tiefer zu graben. Sie öffnete den antiken Schreibtisch ihres Großvaters, den sie selten benutzte, und holte eine staubige Kiste mit alten Dokumenten hervor. Darunter befanden sich Briefe und Tagebücher, die sie nie ganz gelesen hatte. Vielleicht gab es dort Hinweise auf die Vergangenheit ihrer Familie und die der von Wolfsbergs, die das heutige Geschehen erklären könnten.

Mehrere Stunden vergingen. Marlene tauchte tief in die Vergangenheit ein, las über alte geschäftliche Streitigkeiten, über heimliche Treffen und zerbrochene Allianzen. Sie fand eine Korrespondenz zwischen ihrem Urgroßvater und einem gewissen „A. v. W.“, die auf eine komplizierte Beziehung hindeutete – eine Mischung aus Partnerschaft und tiefem Misstrauen. Könnte A. v. W. für Alexander von Wolfsberg stehen, Thomas' Großvater?

Plötzlich hielt sie inne. In einem alten Leder gebundenen Tagebuch, das mit einem verblassten Siegel verschlossen war, fand sie eine Seite, die mit Tinte beschrieben war, die seltsam frisch wirkte. Die Handschrift war elegant, aber zittrig. Sie erkannte sie sofort wieder: Es war die Handschrift ihres Vaters. Darin stand: „Er hat es wieder getan. Thomas von Wolfsberg spielt mit Feuer. Der Schlüssel ist nur ein Teil des Puzzles. Ich habe ihn gewarnt, aber er hört nicht. Marlene muss sich ihrer Bestimmung stellen, ob sie will oder nicht. Die Falks und die von Wolfsbergs sind Schicksale, die untrennbar miteinander verbunden sind, wie auch immer er das anstellen mag.“

Marlene ließ das Tagebuch sinken. Ihr Vater. Er wusste mehr. Viel mehr. Er hatte sie nicht nur vor Thomas gewarnt, er schien zu wissen, was das Spiel war, was der Schlüssel bedeutete und dass sie unweigerlich Teil davon sein würde. Und dann, wie auf Kommando, begann ihr Handy zu vibrieren. Es war ihr Vater. Sie nahm den Anruf entgegen, ihr Herz pochte wild.

„Marlene?“, sagte ihre Vater, seine Stimme klang angespannt. „Ich muss dir etwas sagen. Thomas von Wolfsberg war gerade hier. Er hat… er hat mir gezeigt, warum er dich so dringend sprechen wollte. Es geht um die Vergangenheit. Um etwas, das wir beide…“ Seine Stimme brach ab. Ein lautes Knacken war zu hören, gefolgt von einem Stöhnen, dann nur noch Stille. Dann eine tiefe, kalte Stimme, die nicht die ihres Vaters war: „Der Senator wird uns nicht mehr im Weg stehen. Und bald, Fräulein Falk, werden Sie mir gehören.“