Blutige Revanche

Chapter 3 — Die Schatten der Alster

Der Anruf von Julian von Rabenstein hing wie ein dunkler Schleier über Emilias Gedanken. Jedes Wort, jeder Hauch von seiner Stimme schien ihr zu sagen, dass ihr Racheplan, den sie so sorgfältig über Jahre hinweg geschmiedet hatte, nicht mehr allein in ihren Händen lag. Die kalte, feuchte Luft der Lagerhalle am Hamburger Hafen schien plötzlich bedrückender zu werden, obwohl Jakobs Schmerzenslaute nur noch leise waren.

"Du spielst mit dem Feuer, Voss", hatte Julian gesagt. "Aber vielleicht brennt es für uns beide. Oder für dich. Wir sollten reden. Diskret. Der Blaue Salon im Grand Elysée, morgen um drei. Keine Eskorte. Nur du und ich." Seine Stimme war ruhig, fast sanft, aber Emilia spürte die verborgene Macht dahinter. Wer war dieser Mann? Woher kannte er von Jakob? Und was meinte er mit „gemeinsamem Interesse“?

Fabian trat mit zwei dampfenden Tassen Kaffee in den Raum. Seine Augen, normalerweise voller unerschütterlicher Loyalität, zeigten einen Anflug von Besorgnis. Er legte eine Hand auf Emilias Schulter. "Emilia? Alles in Ordnung? Du bist so still."

Emilia wandte sich ihm zu und versuchte, ihre Anspannung zu verbergen. Sie nahm eine Tasse und nippte daran. Der bittere Geschmack war eine willkommene Ablenkung. "Ich denke nach, Fabian. Dieser Anruf… er hat etwas verändert."

"Wer war es?" fragte Fabian, seine Stimme angespannt. Er wusste, wie viel ihr dieser Rachefeldzug bedeutete, und jede Unbekannte konnte eine Gefahr darstellen.

"Ein Mann namens Julian von Rabenstein. Er scheint zu wissen, was wir hier tun. Oder zumindest, was ich vorhabe."

Fabian runzelte die Stirn. "Rabenstein? Der Name sagt mir nichts. Aber wenn er von dir weiß, muss er eine Verbindung zu Jung haben."

Emilia schüttelte den Kopf. "Das ist es ja. Er sprach nicht über Jakob. Er sprach von 'uns'. Als ob wir beide in derselben… Falle säßen."

Sie blickte zu Jakob hinüber, der mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl hing. Seine Wangen waren eingefallen, seine Kleidung zerrissen. Aber selbst in seinem Zustand sah sie noch Spuren des Mannes, den sie einst geliebt hatte, des Mannes, der ihr Herz gebrochen und ihr Leben zerstört hatte. Der Gedanke, dass ein Fremder nun in ihre persönliche Rache eingriff, ärgerte sie.

"Ich werde zu dem Treffen gehen", sagte Emilia entschlossen. "Ich muss wissen, was er will."

Fabian sah sie eindringlich an. "Bist du sicher? Es könnte eine Falle sein. Vielleicht versucht er, dich abzulenken oder zu warnen."

"Gerade deshalb muss ich gehen", erwiderte Emilia. "Wenn er versucht, Jakob zu helfen, muss ich es wissen. Wenn er etwas über meine Familie weiß, muss ich es wissen. Und wenn er ein Teil dieses Spiels ist, dann werde ich ihn zu meinem Vorteil nutzen."

Ihre Stimme hatte wieder diese kalte Härte angenommen, die Fabian so gut kannte. Aber er sah auch die Unsicherheit in ihren Augen, die durch die Maske der Entschlossenheit schimmerte.

Die Nacht verging langsam. Emilia konnte kaum schlafen. Ihre Gedanken kreisten um Jakobs Verrat, um die Jahre des Schmerzes und der Leere, die er hinterlassen hatte. Sie sah sich an der Alster entlanggehen, die Sonne schien, ihr Lachen hallte wider – eine Erinnerung, die jetzt wie Gift schmeckte. Dann sah sie Jakobs Gesicht, seine Angst, seine Hilflosigkeit, und sie spürte einen kurzen, flüchtigen Anflug von Mitleid, den sie sofort wegschob.

Am nächsten Tag, pünktlich um drei Uhr, saß Emilia im Blauen Salon des Grand Elysée. Der Raum war opulent, mit Samt und Gold verziert, und die schwere Stille wurde nur vom leisen Plätschern eines Springbrunnens im Innenhof durchbrochen. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes schwarzes Kleid, das ihre Entschlossenheit unterstrich. Sie hatte Fabian angewiesen, diskret in der Nähe zu bleiben, aber nicht sichtbar zu sein. Sie war allein, wie Julian es gewünscht hatte.

Minuten vergingen. Die Nervosität kroch Emilia langsam die Wirbelsäule hoch. Hatte sie sich geirrt? War es doch eine Falle? Sie spielte mit der Kette um ihren Hals, eine Erinnerung an eine Zeit, bevor Jakob ihr alles genommen hatte.

Dann öffnete sich die schwere Tür des Salons. Ein Mann trat ein. Er war groß, mit dunklem Haar und einem Gesicht, das sowohl von Eleganz als auch von einer gewissen Härte geprägt war. Seine Augen, dunkel und durchdringend, trafen sofort ihre. Es war Julian von Rabenstein. Er trug einen perfekt sitzenden, dunklen Anzug. Er schloss die Tür hinter sich und kam langsam auf sie zu. Ein leichtes, fast unmerkliches Lächeln spielte um seine Lippen.

"Frau Voss", sagte er mit einer Stimme, die genauso ruhig und kontrolliert klang wie am Telefon. Er blieb einige Schritte vor ihr stehen, seine Haltung war entspannt, aber wachsam. "Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich wusste, Sie würden neugierig sein."

Emilia hob das Kinn. "Sie behaupteten, wir hätten ein gemeinsames Interesse. Was genau meinen Sie damit? Und woher wissen Sie meinen Namen und… was ich vorhabe?"

Julian trat näher, seine Augen fixierten ihre. Er hielt inne, nur wenige Meter von ihr entfernt. Die Spannung im Raum war greifbar. Dann griff er langsam in die Innentasche seines Sakkos. Emilia spannte sich an, bereit für jede Eventualität. Er zog ein kleines, gefaltetes Stück Papier heraus und legte es auf den Tisch zwischen ihnen. Es war kein Dokument, keine Waffe. Es war ein Foto.

Emilia blickte darauf. Ihr Atem stockte. Es war ein Foto von Jakob, aber nicht der zerlumpten Gestalt, die sie in der Lagerhalle gefangen hielt. Es war ein Foto von Jakob, lachend, neben einer Frau und einem kleinen Kind – seiner Familie. Und unter dem Foto, in klarer Handschrift, stand ein einziger Satz: "Sie sind nicht die Einzige, die Rache sucht."