Vertraglich verliebt

Chapter 3 — Das Echo des gestohlenen Glanzes

Die warme, kühle Luft der Galerie schien plötzlich zu gefrieren, als Viktoria die Brosche aus ihrer Handtasche zog. Ein winziges Juwel, das in den Scheinwerferlichten wie ein gefangener Stern funkelte. Annas Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein wilder Vogel, der aus seinem Käfig entkommen wollte. Sie erkannte sie sofort – diese Brosche hatte sie vor zwei Tagen in der Auslage eines Antiquitätengeschäfts gesehen, kurz nachdem sie Konstantins Anzug gekauft hatte. Sie war fasziniert gewesen, hatte aber nie im Leben gedacht, sie auch nur anfassen zu können.

„Diese Brosche… sie gehört doch eigentlich einer alten Freundin meiner Familie. Eine, die sie angeblich verloren hat“, fuhr Viktoria fort, ihre Stimme sanft wie Samt, aber mit einer eisigen Schärfe darunter. Sie trat näher an Anna heran, ihre Augen fixierten die des Kunststudentin mit einer Intensität, die Anna das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Merkwürdig, sie genau hier an dir zu finden. Besonders, da du doch angeblich… nun ja, nicht gerade mit Reichtum gesegnet bist, nicht wahr, Fräulein Weiss?“

Anna spürte Konstantins Blick auf sich ruhen, eine Mischung aus Anspannung und etwas, das sie nicht ganz deuten konnte. War es Ärger? Besorgnis? Sie musste etwas sagen, etwas überzeugendes, etwas, das diese toxische Situation entschärfte, ohne die Fassade zum Einsturz zu bringen. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, erstickt von der plötzlichen Angst.

„Viktoria, was soll das?“, warf Konstantin ein, seine Stimme ruhig, aber mit einer unterschwelligen Kälte. Er legte einen Arm um Annas Taille, zog sie leicht an sich. Die Geste war für die Anwesenden gedacht, doch Anna spürte die Anspannung in seiner Berührung. „Das ist eine persönliche Beleidigung.“

„Ach, Konstantin“, hauchte Viktoria, ein süßliches Lächeln umspielte ihre Lippen, das ihre Augen nicht erreichte. „Ich glaube, wir reden hier über etwas, das weit über eine persönliche Beleidigung hinausgeht. Wir reden hier über Diebstahl. Und vielleicht… über eine Lüge.“ Sie wandte sich wieder Anna zu. „Woher hast du diese Brosche, Anna? Und sag mir nicht, du hast sie gefunden. Oder gekauft. Denn das wäre… sehr unglaubwürdig.“

Anna holte tief Luft. Sie musste die Wahrheit verdrehen, eine glaubwürdige Ausrede finden. „Ich… ich habe sie geschenkt bekommen“, stammelte sie, ihre Stimme zitterte leicht. „Von einer… Freundin. Sie hat sie mir geliehen.“ Sie sah zu Konstantin, hoffte auf eine Bestätigung, ein Zeichen, das ihr half, diese Lüge aufrechtzuerhalten. Aber sein Blick war leer, er gab ihr keine Antwort. Das machte es nur schlimmer.

Viktoria lachte leise, ein Geräusch wie zerbrechendes Glas. „Ein Geschenk? Von wem, wenn ich fragen darf? Vielleicht von einer geheimen Wohltäterin, die deine… künstlerische Seele unterstützt? Oder vielleicht hat sie dir sogar bei deinem… romantischen Abendessen geholfen?“ Sie warf Konstantin einen herausfordernden Blick zu. „Ich bin gespannt, welche Geschichte du dir ausdenkst, Anna. Denn die Wahrheit ist, diese Brosche gehört meiner Tante, die sie bei einem Juwelier hier in der Stadt hat schätzen lassen. Und das war letzte Woche. Sie hat sie dann… verloren.“ Viktoria legte den Kopf schief. „Eine sehr seltsame Geschichte, findest du nicht?“, flüsterte sie Anna ins Ohr, bevor sie sich mit einem letzten, triumphierenden Blick auf Konstantin abwandte und in der Menge verschwand.

Die Stille, die Viktoria hinterließ, war erdrückend. Anna spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie hatte gelogen, und Viktoria wusste es. Und Konstantin? Er hatte sie nicht verteidigt, nicht wirklich. Er hatte sie nur an sich gezogen, eine Geste, die als Schutz gedeutet werden konnte, aber auch als Besitzanspruch. Ein Besitzanspruch, der auf einer Lüge basierte.

„Anna…“, begann Konstantin, seine Stimme nun tiefer, ernster. „Wir müssen reden.“

Anna sah ihn an, ihre Augen voller Vorwürfe und aufkeimender Panik. „Reden? Was gibt es da zu reden, Konstantin? Sie hat mich fast als Diebin entlarvt. Und du… du hast nichts getan!“ Ihre Stimme brach. „Was, wenn sie zur Polizei geht? Was, wenn sie deine Familie informiert? Mein Stipendium ist futsch, mein Leben… alles, wofür ich kämpfe!“

Konstantin trat näher, seine Augen verdunkelten sich. Er hob seine Hand, und Anna zuckte unwillkürlich zurück. Doch seine Finger strichen sanft über ihre Wange, eine unerwartete, zärtliche Geste, die sie völlig aus dem Konzept brachte. „Ich werde nicht zulassen, dass sie dich zerstört“, sagte er leise, seine Stimme voller einer Intensität, die sie noch nie zuvor bei ihm gehört hatte. „Das hier ist mein Problem. Und ich werde es lösen.“

Er griff nach ihrer Hand, seine Finger verschränkten sich fest mit ihren. Anna blickte in seine Augen und sah dort etwas Neues: Entschlossenheit, ja, aber auch eine Art… Schutzinstinkt. Es war beunruhigend und seltsam tröstlich zugleich. „Wir gehen jetzt“, sagte er. „Und du sagst kein Wort mehr dazu. Ich kümmere mich darum.“

Er führte sie aus der Galerie, die Menge teilte sich vor ihnen, als wären sie ein königliches Paar. Doch in Annas Brust tobte ein Sturm. Sie wusste, dass Viktoria nicht aufgeben würde. Und sie wusste, dass diese kleine, gestohlene Brosche mehr als nur ein Schmuckstück war. Sie war der Schlüssel zu ihrer Zerstörung. Als sie in Konstantins Auto stiegen, wagte sie einen Blick auf ihre verschränkten Hände. Die Wärme, die von seiner Hand ausging, war real. Aber war irgendetwas anderes in dieser ganzen Farce real?

„Anna“, murmelte Konstantin, als sie durch die beleuchteten Straßen Hamburgs fuhren, seine Stimme rau. „Wir haben ein Problem. Aber… wir werden es gemeinsam lösen.“ Er hielt kurz inne, dann fügte er mit einem Tonfall hinzu, der kaum mehr als ein Flüstern war: „Ich kann dich nicht verlieren, Anna.“

Die Worte hallten in der Stille des Autos nach. Anna starrte aus dem Fenster, ihre Gedanken rasten. Waren das echte Gefühle, die er da ausdrückte? Oder war es nur eine weitere Lüge in dieser komplexen Theateraufführung? Plötzlich sah sie am Fenster eines vorbeifahrenden Autos ihr eigenes Spiegelbild. Für einen Sekundenbruchteil schien es, als würde jemand hinter ihr stehen. Eine dunkle Gestalt, die sie beobachtete. Sie blinzelte, und die Gestalt war verschwunden. War es nur ihre Einbildung, hervorgerufen durch den Stress und Viktorias Drohungen? Oder war jemand tatsächlich hinter ihnen her?

Sie drehte sich zu Konstantin um, doch er schien nichts bemerkt zu haben. Seine Augen waren auf die Straße gerichtet, sein Gesichtsausdruck angespannt. Doch in diesem Moment hörte sie ein leises, aber deutliches Geräusch aus der hinteren Reihe des Wagens – das Klicken eines Auslösers. Jemand hatte ein Foto gemacht.