Gespieltes Glück im Blitzlicht

Chapter 3 — Das Versprechen im Café

Der kühle Abendwind strich über Darias Gesicht, als Max sie auf der Terrasse des Gut Hohenberg fand. Die Sterne funkelten über ihnen wie Diamanten auf schwarzem Samt, doch Darias Herz war ein Wirbel aus Unsicherheit. Die Worte des unbekannten Mannes hallten noch immer in ihrem Kopf wider: „Er ist nicht der, für den er sich ausgibt, Fräulein Reiter. Ich kann Ihnen Beweise liefern.“

„Alles in Ordnung, Daria?“, Max’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er stand nah bei ihr, seine Augen, so tief wie der Nachthimmel, musterten sie mit einer Mischung aus Besorgnis und etwas, das sie nicht ganz deuten konnte – war es Fürsorge oder nur eine gespielte Geste?

Sie zwang sich zu einem Lächeln, das sich gezwungen anfühlte. „Ja, alles bestens. Nur… die frische Luft. Ich brauche sie manchmal.“ Sie wich seinem Blick aus und blickte über die weitläufigen Ländereien, die sich unter ihnen erstreckten. Das Anwesen der von Lichtensteins war atemberaubend, ein Symbol für Reichtum und Macht, aber für Daria fühlte es sich wie ein goldener Käfig an.

Max trat einen Schritt näher. „Du wirkst abgelenkt. Ist es Viktoria?“ Seine Hand berührte sanft ihren Arm, eine leichte Berührung, die dennoch eine Welle der Wärme durch sie schickte. Sie zuckte unwillkürlich zurück, aber nur leicht. „Nein, nicht Viktoria. Nur… viel auf einmal.“

Sie hatten ein Arrangement getroffen, eine Vereinbarung, die auf gegenseitigem Nutzen basierte. Er brauchte eine Verlobte, um seine Familie zu besänftigen, und sie brauchte finanzielle Unterstützung, um ihr geliebtes Café „Süße Sünden“ vor dem Untergang zu retten. Doch die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwammen zusehends. Seine Berührungen, seine besorgten Fragen – waren das alles nur Teil der Show, oder steckte mehr dahinter?

„Ich verstehe“, sagte Max leise, seine Stimme war nun sanfter. „Aber du weißt, du kannst mit mir reden. Egal was es ist.“

Diese Worte, ehrlich gemeint oder nicht, berührten etwas in ihr. Sie war es gewohnt, alles allein zu tragen. Die Sorgen um das Café, die ständigen finanziellen Engpässe, die Angst, alles zu verlieren, was sie sich aufgebaut hatte. Die Hilfe, die Max ihr anbot, war ein Rettungsanker, aber die Bedingung – seine gefälschte Verlobung – fühlte sich immer schwerer an.

„Ich weiß“, flüsterte sie. „Danke.“

Sie verbrachten den Rest des Abends damit, Smalltalk zu führen, Höflichkeiten auszutauschen, wie es sich für ein frisch verlobtes Paar gehörte. Doch unter der Oberfläche brodelte es. Daria achtete auf jedes seiner Worte, jede seiner Gesten, suchte nach Anzeichen von Lügen, nach Rissen in der Fassade. Aber Max schien perfekt. Zu perfekt?

Am nächsten Morgen wachte Daria in ihrem kleinen Apartment in Schwabing auf, das Licht der Münchner Sonne fiel durch die Jalousien. Die Nacht auf Gut Hohenberg fühlte sich wie ein Traum an, surreal und doch real. Ihr Handy vibrierte auf dem Nachttisch. Eine Nachricht von Max: „Guten Morgen. Treffen wir uns heute im Café? Ich möchte mit dir über die Details unserer… Arrangement sprechen. Und vielleicht etwas Wichtiges klären.“

Ihre Finger zitterten leicht, als sie die Nachricht las. „Wichtiges klären.“ Was meinte er damit? War es eine Anspielung auf Viktoria, auf die Bedrohung, die von ihr ausging? Oder ging es um etwas, das er ihr verheimlichte, etwas, das der unbekannte Mann angedeutet hatte?

Sie beschloss, dem Unbekannten eine Chance zu geben. Sein Angebot, ihr Beweise zu liefern, ließ sie nicht los. Sie schickte ihm eine kurze Antwort, eine kryptische Nachricht an die Nummer, die er ihr hinterlassen hatte: „Heute. Nach dem Treffen mit M. Im Café.“

Das „Süße Sünden“ war an diesem Nachmittag weniger belebt als sonst. Nur ein paar Stammgäste saßen an den Tischen und genossen ihren Kaffee. Daria polierte mit geübten Bewegungen Gläser hinter der Theke, ihr Blick wanderte immer wieder zur Tür. Max kam pünktlich. Er trug einen dunklen Anzug, der ihn noch charismatischer wirken ließ. Ein leises Seufzen entkam ihr. Er war so unwiderstehlich, und das machte die Sache nur noch komplizierter.

„Hallo, Süße“, sagte er und lächelte sie an. „Sieht hier gemütlich aus.“ Er setzte sich an einen der freien Tische.

Daria trat hinter die Theke und setzte sich ihm gegenüber. „Hallo, Max. Was gibt es Wichtiges?“ Ihre Stimme war fester, als sie erwartet hatte.

Max lehnte sich vor, seine Miene wurde ernster. „Daria, wir müssen ehrlich zueinander sein. Nicht nur wegen des Arrangements. Ich… ich habe das Gefühl, dass wir beide in Gefahr sind. Viktoria wird nicht aufgeben. Und ich habe gehört… sie plant etwas Größeres.“

Darias Herz setzte einen Schlag aus. Viktoria. Sie hatte es geahnt. „Was hast du gehört?“

„Nur Gerüchte. Aber sie klingen ernst. Sie will dich bloßstellen, Daria. Und mich. Sie will uns beide zerstören.“ Max’ Augen suchten ihre. „Deshalb müssen wir vorsichtig sein. Und… wir müssen uns aufeinander verlassen können. Mehr als wir es vielleicht vorhaben.“

Das war es also. Die offizielle Begründung für ihre ständige Nähe, für seine offensichtliche Beschützerrolle. Angst. Angst vor Viktoria. Aber Daria spürte, dass das nicht alles war. Die Worte des Unbekannten, die geheimnisvolle Aura, die Max umgab – all das konnte nicht einfach ignoriert werden.

„Ich… ich habe auch etwas erfahren“, begann Daria zögernd. „Jemand hat mich kontaktiert. Jemand, der sagt, er kennt deine… Vergangenheit. Deine Geheimnisse.“

Max’ Miene veränderte sich schlagartig. Die Wärme in seinen Augen wich einem Ausdruck kalter Vorsicht. Sein Lächeln erstarrte. „Wer?“ Seine Stimme war knapp, beinahe hart.

„Ich weiß es nicht. Er nannte sich… nur ein Freund. Er wollte mir Beweise zeigen.“

Ein eisiges Schweigen legte sich über den Tisch. Daria sah, wie Max seine Kiefermuskeln anspannte. Die Vertrautheit, die sie gerade noch gespürt hatte, zerbrach in tausend Stücke. Seine Augen verengten sich, und für einen Moment sah sie etwas in ihnen, das sie erschreckte – einen dunklen, verborgenen Zorn.

„Beweise?“, wiederholte er langsam, jedes Wort ein Hammerschlag. „Was für Beweise?“

„Ich… ich habe ihn gebeten, sie mir zu zeigen. Er kommt gleich.“ Daria wagte kaum zu atmen. Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Cafés. Ein Mann trat ein, sein Gesicht war im Schatten eines breitkrempigen Hutes verborgen. Er trug einen langen, dunklen Mantel, der ihn wie eine Figur aus einem alten Film erscheinen ließ. Langsam hob er den Kopf, und Daria erkannte ihn wieder. Es war der Mann von Gut Hohenberg.

Er blickte direkt zu ihrem Tisch, seine Augen hinter dem Hutrand fixierten Max. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte um seine Lippen. Dann sagte er mit einer Stimme, die Daria unter die Haut ging: „Hallo, Max. Lange nicht gesehen. Ich glaube, wir haben noch etwas zu besprechen, nicht wahr?“

Max starrte den Mann an, sein Gesicht war eine Maske aus blankem Entsetzen und einer Wut, die Daria noch nie an ihm gesehen hatte. Er sprang auf, und sein Stuhl fiel krachend zu Boden.

„Wer zum Teufel bist du?!“, knurrte Max, seine Stimme bebte vor unterdrückter Gewalt.