Der Pakt von St. Pauli
Chapter 3 — Das Lächeln der Schlange
Der kalte, feuchte Asphalt der Gasse drückte gegen Emilias Knie, als sie zurück stolperte. Das aggressive Licht der Straßenlaterne fiel auf die Silhouette von Linus Nagel, sein Schatten tanzte unheilvoll auf der Ziegelmauer hinter ihm. Die zweite Gestalt, größer und breitschultriger, stand schützend neben ihm, sein Gesicht lag im Dunkel, doch die Bedrohung, die von ihm ausging, war greifbar wie die feuchte Luft.
„Was für eine Überraschung, Fräulein Pohl“, zischte Linus, seine Stimme ein schleimiges Flüstern, das durch die Enge der Gasse hallte. Seine Augen funkelten in dem spärlichen Licht, ein Raubtier, das seine Beute erspäht hatte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich schon so schnell in die tiefsten Schatten von Hamburg wagst. Oder suchst du vielleicht nach neuen… Geschäftspartnern?“
Emilia biss sich auf die Unterlippe, ihre Gedanken rasten. Dies war nicht Teil von Brandts Plan. Sie hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, aber sie hatte nicht erwartet, dass dieser Teufel persönlich auftauchen würde, um sie in seiner eigenen Domäne zu konfrontieren. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich bin hier, um meine Angelegenheiten zu regeln, Nagel. Und niemand – schon gar nicht Sie – wird mich aufhalten.“
Alexander Brandt trat ruhig neben sie, seine Präsenz eine unerwartete Ruhe inmitten des Sturms. Er legte ihr eine Hand auf den Arm, eine Geste, die sowohl tröstend als auch besitzergreifend wirkte. „Ein Mann, der sich gerne in den Weg stellt, mein lieber Linus“, sagte Brandt, seine Stimme tief und resonierend. „Aber manchmal sind diese Hindernisse nur dazu da, um überwunden zu werden. Und wir sind sehr gut darin, Hindernisse zu beseitigen.“
Linus lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Ach, der feine Herr Brandt. Immer noch in den schmutzigen Geschäften unterwegs? Ich dachte, Sie hätten sich längst zur Ruhe gesetzt, nachdem Ihre… Unternehmungen in Berlin so gründlich gescheitert sind.“ Er machte eine Pause und grinste breit, als er Emilias Blick bemerkte. „Ach ja, und die gute Emilia. Waren wir nicht gerade dabei, einen Deal abzuschließen? Oder hat dir der Herr hier bessere Konditionen angeboten? Er scheint ja ein Auge für… vielversprechende junge Damen zu haben.“
Die Beleidigung traf Emilia wie ein Schlag. Sie war keine Ware, die man an den Meistbietenden verkaufte. Sie war diejenige, die die Fäden ziehen würde. „Ich bin niemandem etwas schuldig, Nagel. Und ich lasse mich nicht von Ihnen bedrohen.“ Sie wandte sich von ihm ab, ignorierte die scharfe Miene seines Begleiters, und sah Brandt an. „Meine Entscheidung steht fest. Ich werde tun, was nötig ist.“
Brandt nickte langsam, seine Augen immer noch auf Nagel gerichtet. „Ausgezeichnet. Aber seien Sie gewarnt, Fräulein Pohl. Hamburg hat seine eigenen Gesetze, und manche Männer halten sich nicht an vereinbarte Deals.“
Linus trat einen Schritt vor, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Emilias entfernt. „Du gehörst mir, Emilia. Das hast du versprochen. Und ich vergesse keine Versprechen.“ Seine Stimme war nun leise, aber die Drohung war umso intensiver. Sein Begleiter machte eine Bewegung, als wolle er eingreifen, doch Linus hob eine Hand, um ihn zurückzuhalten.
„Das werden wir ja sehen“, flüsterte Emilia, ihr Herz pochte wild gegen ihre Rippen. Sie musste hier raus. Sofort. Sie blickte zu Brandt, ihre Augen suchten seine. „Ich muss gehen.“
Brandt nickte ihr zu. „Bis bald, Fräulein Pohl. Wir werden uns wiedersehen, wenn die Zeit reif ist.“
Emilia wandte sich ab und ging zügig davon, das Gefühl von Linus’ Blick auf ihrem Rücken spürend. Sie hörte, wie er hinter ihr sprach, seine Stimme war jetzt wieder lauter und triumphierender. „Sie wird zurückkommen, Brandt. Sie gehört mir.“
Sie erreichte die belebtere Straße, das geschäftige Treiben von St. Pauli schien wie eine andere Welt. Die Nachtluft war kühl, aber Emilia spürte, wie ihr Schweiß auf der Stirn perlte. Sie musste nachdenken. War Brandt eine Lösung oder nur ein weiteres Problem? Und wie würde sie aus Nagels Forderungen entkommen, ohne ihren Racheplan zu gefährden?
Sie bestellte ein Taxi und fuhr zurück in ihre kleine Wohnung, die sich wie ein sicherer Hafen anfühlte, aber auch wie ein Gefängnis. Sie schloss die Tür ab und lehnte sich dagegen, ihre Augen schlossen sich für einen Moment. Als sie sie wieder öffnete, fiel ihr Blick auf ihren Schreibtisch. Dort lag, sorgfältig aufgestapelt, die Korrespondenz, die sie von Hugo erhalten hatte, bevor er sie verlassen hatte. Die letzten Worte, die er ihr geschrieben hatte. Sie griff nach dem obersten Brief, ihre Finger zitterten leicht. Sie musste die Wahrheit wissen. Sie musste verstehen, warum er sie so hintergangen hatte.
Sie begann zu lesen. Hugos Handschrift war elegant, fast kalligraphisch. Doch mit jedem Satz, den sie las, wurde ihr Herz schwerer. Es waren keine Liebesworte, keine Entschuldigung. Es war eine Auflistung ihrer angeblichen Fehler, ihrer Schwächen, ihrer Unzulänglichkeiten. Er schrieb, dass er jemanden gefunden hatte, der ihn wirklich verstand, der ihm die Anerkennung gab, die er verdiente. Jemand, der nicht erdrückend war, sondern inspirierend.
Die Worte brannten sich in ihre Seele. Sie las von Sophies Verständnis, von ihrer sanften Art, von ihrer bedingungslosen Bewunderung. Jedes Wort war ein Dolchstoß, der tiefer ging als jeder Schlag, den Linus Nagel ihr androhen konnte. Dann sah sie am Ende des Briefes eine Unterschrift, die sie nicht kannte. Nicht Hugos Name. Sondern ein kleiner, eingekreister Buchstabe – ein ‚S‘, kunstvoll geschlungen, mit einem winzigen, aufwärts gerichteten Strich, der wie ein spitzer Dorn aussah. Es war nicht Sophies ‚S‘. Es war anders. Kälter. Bedrohlicher. Und darunter stand ein Datum: der Tag, an dem Hugo sie verlassen hatte.
Plötzlich klingelte ihr Handy. Es war eine unbekannte Nummer. Zögernd nahm sie ab. „Hallo?“ Eine tiefe, ruhige Stimme meldete sich, die sie sofort wiedererkannte. Es war Alexander Brandt. „Fräulein Pohl“, sagte er, seine Stimme fast ein Flüstern. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Aber ich habe gerade eine interessante Nachricht erhalten. Etwas, das Sie vielleicht… wissen sollten. Hugo Schwarz plant, Ihnen heute Abend einen Besuch abzustatten. Er scheint etwas Wichtiges zu klären zu wollen. Seien Sie vorsichtig.“
Emilia starrte auf das Handy, ihr Blut gefror in ihren Adern. Hugo. Hier. Heute Abend. Warum? Was wollte er? Und was hatte dieses seltsame ‚S‘ in dem Brief zu bedeuten?
Die Tür ihrer Wohnungstür knarrte. Langsam. Jemand drückte die Klinke herunter.