Der bankrotte Milliardär
Chapter 3 — Der stille Pakt im Regen
Der Regen peitschte gegen die hohen Fenster des Hotel Four Seasons, als Anton Miriam aus dem glanzvollen Saal in einen angrenzenden, schwach beleuchteten Korridor zog. Ihre High Heels klickten auf dem Marmorboden, ein einsamer Klang inmitten des allgemeinen Gemurmels, das von drinnen herüberschallte. Miriams Herz hämmerte gegen ihre Rippen, eine Mischung aus Angst und einer unerklärlichen Aufregung. "Was machen wir? Wohin bringen Sie mich?" fragte sie, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen, das im Rauschen des Regens fast unterging.
Anton drehte sich zu ihr um, sein Gesicht im Schatten des Korridors fast unwirklich. Die Maske des charmanten Unternehmers war gefallen und gab einen Blick auf die Verzweiflung frei, die darunter lauerte. "Dahin, wo niemand uns hören kann, Fräulein Berger", knurrte er, seine Augen fixierten ihre mit einer Intensität, die ihr den Atem raubte. "Die Zeit spielt nicht mehr für uns. Diese verdammten Banken... 48 Stunden, nur 48 Stunden. Sie haben mich in die Enge getrieben." Er ließ sie los, trat einen Schritt zurück und fuhr sich mit der Hand durch das nasse Haar. Der Anzug, der eben noch makellos gewirkt hatte, schien nun seine Stärke verloren zu haben, so wie er selbst.
"Sie sagten, Sie hätten einen Plan", flüsterte Miriam, ihre Stimme fester, als sie erwartet hätte. Sie war keine Frau, die in Panik verfiel. Ihre Ausbildung hatte sie gelehrt, unter Druck ruhig zu bleiben, auch wenn dieser Druck nun die Form eines verzweifelten Milliardärs annahm, der am Rande des Ruins stand.
Anton lachte bitter. "Ein Plan, ja. Aber er erfordert jemanden mit Ihrer... Diskretion. Jemand, der nicht im Rampenlicht steht, jemand, der ungesehen agieren kann. Jemand, der loyal ist." Sein Blick streifte sie, und Miriam spürte, wie ihre Wangen brannten. War das ein Kompliment? Oder nur eine weitere Berechnung?
"Und das bin ich?" fragte sie leise, die Frage schwebte unbeantwortet zwischen ihnen. Der Lärm der Gala schien nun weit weg, ein Echo einer anderen Welt.
"Sie sind schlau, Fräulein Berger. Und Sie brauchen eine Gelegenheit. Ich biete Ihnen eine. Eine sehr gut bezahlte Gelegenheit, meine Finanzen zu ordnen. Eine heikle Angelegenheit, die absolut vertraulich behandelt werden muss. Sie würden von meinem engsten Kreis unterstützt, hätten direkten Zugang zu mir. Alles, was Sie tun müssen, ist Ja zu sagen." Er trat wieder näher, seine Stimme sank zu einem eindringlichen Flüstern. "Ich kann Ihnen nicht sagen, was es genau beinhaltet, nicht hier. Aber es wird Sie absichern. Und es wird mein Imperium retten."
Miriam sah ihn an, sah die verzweifelte Hoffnung in seinen Augen. Sie wusste, dass er sie ausnutzte, dass dies ein Spiel war, dessen Regeln sie noch nicht kannte. Aber sie sah auch die drohende Katastrophe, die ihn zu dieser Verzweiflung trieb. Und sie spürte einen Funken von etwas anderem, etwas, das sie nicht definieren konnte – eine Neugier, vielleicht sogar eine Art... Anziehung? Sein Imperium zu retten? Ihr eigenes Leben zu verändern? Die Risiken waren immens, aber die potenzielle Belohnung...
"Ich...", begann sie, doch ihre Worte wurden von einem plötzlichen Geräusch unterbrochen. Ein Mann, groß und stämmig, mit einem Gesicht, das keinerlei Emotionen zeigte, trat aus dem Schatten am Ende des Korridors. Er trug einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug, der trotz des Regens draußen tadellos aussah. Er hielt ein kleines, schwarzes Etui in der Hand.
Anton erstarrte, seine Augen weiteten sich kurz vor Überraschung, dann vor wachsender Besorgnis. "Was willst du hier, Kroll? Und was ist das?" Seine Stimme war angespannt.
Der Mann, Kroll, trat langsam näher, seine Schritte waren lautlos. Er reichte Anton das Etui. "Eine Lieferung, Herr von Eichendorff. Wie bestellt." Seine Stimme war monoton, fast roboterhaft.
Anton nahm das Etui zögernd entgegen und öffnete es. Darin lag ein einzelner, glänzender Schlüssel. Ein Schlüssel, den Miriam nicht kannte, aber dessen Bedeutung in Antons Gesicht geschrieben stand. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Gesicht war aschfahl. Er blickte von dem Schlüssel zu Kroll, dann zu Miriam, ein Ausdruck von reinem Entsetzen auf seinem Gesicht.
"Nein", flüsterte Anton, seine Stimme brach. "Das kann nicht sein. Sie haben es... sie haben es doch nicht wirklich getan?"
Kroll nickte langsam. "Die Frist ist abgelaufen, Herr von Eichendorff. Die Übergabe muss jetzt erfolgen. Sonst..." Er ließ den Satz unvollendet, aber die unausgesprochene Drohung hing schwer in der Luft.
Anton warf Miriam einen verzweifelten Blick zu, seine Augen flehten sie an. "Sie verstehen nicht", stieß er hervor. "Das ist es, was ich Ihnen..." Doch bevor er seine Erklärung beenden konnte, packte Kroll ihn am Arm, seine Kraft war überraschend. "Kommen Sie, Herr von Eichendorff. Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Wir haben einen Termin."
Anton wehrte sich nicht. Er ließ sich von Kroll mit sich ziehen, seine Augen auf Miriam gerichtet, die wie erstarrt dastand, unfähig zu begreifen, was gerade geschah. Kroll schob Anton in Richtung eines unauffälligen Dienstausgangs, der in eine dunkle Gasse führte. Doch kurz bevor sie die Tür erreichten, drehte sich Anton noch einmal zu Miriam um, sein Blick brannte sich in ihren Verstand. "Das ist kein Angebot mehr, Fräulein Berger", sagte er, seine Stimme war ein knurrender Befehl, inmitten des Regens und des nahenden Unheils. "Das ist eine Verpflichtung." Dann verschwanden sie in der Dunkelheit der Gasse und ließen Miriam allein im schwach beleuchteten Korridor zurück, das Geräusch ihrer eigenen panischen Atemzüge hallte in ihren Ohren wider.