Ein Flüstern vor dem Altar

Chapter 3 — Das Echo des Gartens

Der kühle Nachtwind streichelte Kiras Wangen, während sie mit dem Fremden durch den dichten, nachtschwarzen Garten des Falkenhorst-Anwesens schritt. Jeder knackende Zweig unter ihren Füßen ließ ihr Herz schneller schlagen. Die Lichter des Ballsaals schienen meilenweit entfernt, eine ferne Erinnerung an die Zeremonie, die sie nun an Bruno band.

„Sie müssen schnell handeln, Fräulein Geiger“, sagte der Mann mit der leisen, aber eindringlichen Stimme. Sein Gesicht war im Schatten verborgen, doch die Intensität seiner Augen war spürbar. „Diese Verbindung ist gefährlicher, als Sie ahnen. Es geht nicht nur um Ihre Familie, es geht um Ihr Leben.“

Kira blieb stehen, ihre Hände zu Fäusten geballt. „Wer sind Sie? Und warum sollte ich Ihnen glauben? Sie tauchen auf, sagen mir, ich soll fliehen, und nun bieten Sie mir an, mir zu helfen. Was wollen Sie?“

Der Fremde lachte leise, ein Geräusch, das im Dunkeln seltsam beruhigend wirkte. „Nennen wir es eine… Investition in Ihre Freiheit. Oder vielleicht eine persönliche Vendetta gegen die, die Sie in diese Lage gebracht haben. Das ist im Moment nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich einen Weg kenne. Aber Sie müssen mir vertrauen. Vorerst.“

Er führte sie zu einem alten, steinernen Tor, das von Efeu überwuchert war. „Hier entlang. Es ist der einzige Weg, ungesehen vom Gelände zu kommen. Der Wagen wartet auf der anderen Seite der alten Eichenallee.“

Als sie das Tor passierten und sich der Allee näherten, hörten sie Rufe aus der Ferne. „Sie sucht nach ihr!“ rief der Fremde. „Wir müssen uns beeilen!“

Gerade als sie das Geräusch eines heranfahrenden Motors hörten, erschien eine Gestalt im schwachen Licht der Allee. Es war Bruno. Sein Gesicht war eine Maske der Kälte, seine Augen fixierten Kira mit einem Ausdruck, den sie nicht deuten konnte – Zorn? Enttäuschung? Oder etwas weitaus Dunkleres?

„Kira“, sagte er, seine Stimme ruhig, aber gefährlich. „Sie scheinen sich verirrt zu haben. Kommen Sie zurück. Es gibt Dinge, die Sie noch nicht über Ihre neue Familie wissen müssen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu, seine Hand hob sich langsam, nicht bedrohlich, aber doch… besitzergreifend.

Der Fremde drängte Kira. „Jetzt, Fräulein! Der Wagen!“

Doch Kira war wie erstarrt. Brunos Blick hielt sie gefangen. Sie sah die Schatten hinter ihm, die sich leicht bewegten. War das nur ihre Fantasie oder lauerten dort noch andere?

Sie wandte sich dem Fremden zu, dann wieder Bruno. Die Entscheidung lastete schwer auf ihr. Fliehen und dem Unbekannten vertrauen, dessen Motive sie nicht kannte? Oder zurückkehren und die Wahrheit erfahren, die Bruno ihr vorenthielt?

In diesem Moment hörte sie eine Stimme, die ihr die Kehle zuschnürte. Nicht Brunos Stimme, nicht die des Fremden. Es war ihre Mutter, die aus dem Schatten hinter Bruno trat, ihr Gesicht bleich vor Angst. „Kira, Kind… du kannst nicht gehen. Es ist zu gefährlich.“

Kira starrte ihre Mutter an, dann Bruno, dann den Fremden, der ungeduldig auf sein Zeichen wartete. Ihre Fluchtpläne zerbrachen wie Glas. Sie war gefangen zwischen den Mauern des Anwesens und den Mauern der Schuld.