Sturm einer Erbin

Chapter 3 — Der Geruch von Diesel und Verzweiflung

Der Anruf war verstummt, aber die Worte hallten in Klaus Müllers Kopf wider. „Ihre Frau… ein Unfall. Auf der Werft.“ Die Stimme war kühl, emotionslos, und Klaus wusste, dass dies keine Nachricht war, sondern eine Drohung. Ein Erpressungsversuch, der alle bisherigen übertraf. Franziska sah ihn an, ihr Gesicht eine Maske der Besorgnis.

„Klaus? Was ist passiert? Wer war das?“ Ihre Stimme war leise, aber dringlich. Die plötzliche Wendung in Klaus' Verhalten, das bleiche Gesicht und die starren Augen ließen sie ahnen, dass es etwas Schlimmes war. Etwas, das sie beide betraf.

„Nichts, Fräulein Seidel. Nur… ein kleines Problem“, murmelte Klaus und wandte sich ab, um aus dem Fenster auf die trüben Hamburger Docks zu starren. Der Geruch von Salz, Diesel und verrottendem Fisch hing schwer in der Luft, ein olfaktorischer Beweis für die raue Realität der Seefahrt, die er so gut kannte. Doch heute schmeckte er nach mehr – nach Angst und Verrat.

„Ein kleines Problem? Klaus, Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen. Reden Sie mit mir.“ Franziska trat näher, ihre Hand ruhte kurz auf seinem Unterarm. Die Berührung war flüchtig, aber sie sendete einen elektrischen Schlag durch ihn. Er spürte ihre Aufrichtigkeit, ihre wachsende Sorge, aber auch die Erkenntnis, dass er sie nicht in seine persönlichen Probleme hineinziehen konnte. Nicht direkt. Noch nicht.

„Es geht um meine Frau, Anna“, sagte er schließlich, seine Stimme rau. „Sie… sie hatte angeblich einen Unfall. Auf der Werft. Aber ich glaube, das ist nur ein Vorwand.“ Er biss die Zähne zusammen. „Torben spielt ein schmutziges Spiel. Er will mich brechen, indem er sie benutzt.“

Franziska zog scharf die Luft ein. „Er hat Sie gerade erst mit den alten Waffengeschäften unter Druck gesetzt. Jetzt das? Das ist… das ist unerträglich.“ Sie ballte ihre Fäuste. Die reine Bösartigkeit, die hinter Torbens Fassade lauerte, war erschreckend. Der Mann war ein Monster, das bereit war, über Leichen zu gehen, um seine Macht zu sichern.

„Er wird nicht damit durchkommen“, knurrte Klaus. „Ich werde ihm das Handwerk legen. Für Anna. Für alles, was er uns angetan hat.“ Sein Blick war voller Entschlossenheit. „Aber ich brauche Zeit. Und ich brauche… Unterstützung.“ Er sah Franziska an, seine Augen flehend. „Sie sind die Einzige, der ich vertrauen kann.“

Bevor Franziska antworten konnte, unterbrach sie ein schrilles Klingeln. Es war ihr Handy. Sie griff nach der Tasche, ihre Finger streiften über den Stoff. Als sie das Display sah, wich die Farbe aus ihrem Gesicht. Eine unbekannte Nummer. Eine Hamburger Vorwahl, aber die Nummer war seltsam verkettet, fast wie eine temporäre Leitung.

„Hallo?“, sagte sie zögernd.

Eine tiefe, ruhige Stimme meldete sich. „Frau Seidel. Torben von Stein hier.“

Franziskas Herz begann zu rasen. „Was wollen Sie?“ Ihre Stimme zitterte leicht, trotz ihrer Bemühungen, gefasst zu bleiben. Sie schob Klaus einen warnenden Blick zu, der wie versteinert dastand.

„Ich wollte nur sicherstellen, dass Sie die Nachrichten richtig verstehen“, sagte Torben, seine Stimme tropfte vor falscher Höflichkeit. „Ich habe gehört, Sie haben sich mit unserem alten Kapitän Müller angefreundet. Ein Mann mit einer… interessanten Vergangenheit. Genau wie seine Frau.“ Eine Pause. „Manchmal ist es besser, wenn man sich auf die richtigen Leute konzentriert, Frau Seidel. Die, die einem wirklich helfen können. Und die, die man vielleicht lieber meiden sollte.“

Franziska spürte, wie sich ihr Magen umdrehte. Er spielte mit ihnen. Er spielte mit ihr, mit Klaus. Er wusste, dass sie sich auf Klaus verließ, und er versuchte, diesen Bund zu brechen. Er versuchte, ihr Angst einzujagen.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, erwiderte sie kühl, obwohl ihr Inneres tobte. Sie musste stark bleiben. Für Klaus. Für sich selbst.

Torben lachte leise, ein Geräusch wie splitterndes Glas. „Oh doch, das tun Sie. Und Sie werden bald noch mehr wissen. Zum Beispiel, wie nützlich es sein kann, alte Fotos zu haben. Oder… kleine, vergessene Erinnerungsstücke. Wie einen winzigen, roten Schuh, der zufällig in meinem Büro lag.“ Seine Stimme wurde noch leiser, gefährlicher. „Manchmal sagen solche Dinge mehr als tausend Worte. Sie erinnern uns daran, was uns wichtig ist. Und was uns genommen werden kann.“

Mit diesen Worten legte er auf. Franziska stand da, das Handy noch in der Hand, ihre Finger verkrampft. Der rote Schuh. Er hatte ihn. Den winzigen, roten Mädchenschuh, den sie als kleines Mädchen in der Kiste mit den Erbstücken gefunden hatte – das Einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben war, bevor sie… bevor alles passierte. Wie konnte er ihn haben? Und was bedeutete das? War das eine weitere Drohung? Oder etwas… Persönlicheres?

Klaus trat neben sie. „Was wollte er? Was hat er gesagt?“ Seine Stimme war voller Sorge. Er sah die Angst in ihren Augen, die er gerade erst selbst erlebt hatte.

Franziska schluckte schwer. Sie musste ihm die Wahrheit sagen. Sie musste ihn warnen, bevor er in eine Falle tappte, die schlimmer war als alles, was sie bisher kannten. Aber dann fiel ihr Torbens letzte Warnung ein: „Manchmal ist es besser, wenn man sich auf die richtigen Leute konzentriert… Und die, die man vielleicht lieber meiden sollte.“

Sie sah Klaus an, seine aufrichtigen Augen, seine verzweifelte Hoffnung. Sie erinnerte sich an Sophies Worte von gestern Abend: „Ich habe da ein paar Leute… die dir vielleicht helfen können.“ Aber sie wusste auch, dass Torben Verbindungen hatte, die tief und weitreichend waren. Sie sah auf das Handy in ihrer Hand, auf die unbekannte Nummer. Gab es einen anderen Weg? Einen Weg, Torben auszutricksen, ohne sich selbst oder Klaus in noch größere Gefahr zu bringen?

Ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, gefährlich und doch verlockend. Torben spielte mit Informationen. Er nutzte Geheimnisse und Andeutungen. Was, wenn sie ihm etwas gab, das er nicht erwartet hätte? Etwas, das ihn ablenken würde, während sie und Klaus die nächsten Schritte planten?

Sie sah zu Klaus. „Ich… ich glaube, ich weiß, was wir tun müssen. Aber es ist riskant.“ Sie zögerte. „Und es bedeutet, dass wir… dass wir vielleicht auf eine andere Art zusammenarbeiten müssen, als ich dachte.“

Klaus hob eine Augenbraue. „Worauf spielen Sie an, Fräulein Seidel?“

Franziska atmete tief durch. Sie musste es riskieren. Sie musste die Kontrolle übernehmen, bevor Torben sie komplett verlor. Sie nahm ihr Handy wieder in die Hand und wählte eine neue Nummer. Eine Nummer, die Sophie ihr gegeben hatte, für „Notfälle, die niemand sonst lösen kann.“ Als das Telefon klingelte, sah sie Klaus direkt in die Augen. „Wir brauchen jemanden, der Torbens nächsten Zug vorhersagen kann. Jemanden, der die Schatten kennt, in denen er sich bewegt. Und ich glaube, ich weiß, wo wir diese Person finden.“ Sie drückte auf „Anrufen“, und eine vertraute, leicht schneidende Stimme meldete sich:

„Sophie hier. Was gibt’s?“

Franziska blickte auf die grauen, wolkenverhangenen Himmel über Hamburg, spürte den Wind auf ihrer Haut und die kalte Angst in ihrem Herzen. „Sophie, es geht um Torben von Stein. Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, ihn in die Enge zu treiben. Aber dafür brauche ich deine… Leute. Und ich brauche dich. Sofort.“ Sie schwieg einen Moment, dann fügte sie hinzu, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern: „Er hat etwas von mir. Etwas sehr Persönliches. Und er droht damit.“ Sie musste Sophie mehr erzählen, musste ihre Hilfe gewinnen, bevor es zu spät war. Doch was sie nicht wusste, war, dass während ihres Telefonats, Tausende von Kilometern entfernt, in einer schäbigen Lagerhalle an der Côte d'Azur, ein Mann mit narbigem Gesicht und kalten Augen eine Holzkiste öffnete. Darin lag ein winziger, roter Schuh, identisch mit dem, den Torben von Stein in seinem Büro aufbewahrte. Und neben dem Schuh lag ein kleines, vergilbtes Foto: eine junge Frau, die Franziska Seidel zum Verwechseln ähnlich sah, lächelnd in die Kamera, mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm, das einen winzigen, roten Schuh trug.