Durchschaut

Chapter 3 — Der Schatten in ihren Augen

Der Name. Ihr wahrer Name. Er hallte in der kühlen Nachtluft wider, eine unmissverständliche Anschuldigung, die Clemens' Stimme trug. Hanna wich instinktiv zurück, ihre Hand fuhr unbewusst zu ihrer Kehle, als würde sie versuchen, das Wort zu greifen, das ihr entglitten war. Die Dunkelheit des Gartens schien sich um sie zu verdichten, die Sterne über ihnen wirkten plötzlich kalt und fern.

"Woher... woher wissen Sie das?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, brüchig vor unterdrückter Panik. Jeder Tropfen ihres Seins schrie danach, wegzulaufen, sich in den Schatten zu verlieren, aber ihre Füße schienen im feuchten Gras festgewurzelt.

Clemens trat einen Schritt näher, seine Augen fixierten sie mit einer Intensität, die ihr den Atem raubte. Sie waren dunkel wie die Nacht, aber darin brannte ein Feuer der Neugier, das sie zutiefst beunruhigte. "Ich bin nicht dumm, Anna – oder sollte ich sagen, Hanna?" Er lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. "Manche Dinge verrät man nicht, selbst wenn man es versucht. Die Art, wie Sie sich bewegen, die Vorsicht in jedem Ihrer Blicke, die Art, wie Sie sich verstecken, selbst hier, wo Sie niemanden kennen."

Hanna presste die Lippen aufeinander. Er sah sie, wirklich. Nicht die Rolle, die sie spielte, sondern die Angst, die unter der Oberfläche brodelte. Sie hatte gehofft, die Gala unbemerkt überstehen zu können, eine Nacht lang dem Albtraum entkommen zu können, der sie verfolgte. Doch Clemens von Hammerschmidt war ein Jäger, und sie war zur Beute geworden.

"Sie irren sich", sagte sie, doch ihre Stimme klang unsicher, selbst in ihren eigenen Ohren. Sie sah, wie sein Lächeln schwand, ersetzt durch eine noch tiefere Konzentration. Er schien ihre Lüge zu riechen, ihre aufkeimende Verzweiflung zu schmecken.

"Tue ich das wirklich?" Er hob eine Hand, zögerte, dann streckte er sie langsam in ihre Richtung aus. Seine Finger schwebten nur wenige Zentimeter über ihrer Wange, und Hanna erstarrte. Die Luft zwischen ihnen knisterte vor ungesagter Spannung. Sie konnte die Wärme spüren, die von ihm ausging, die Verlockung seiner Nähe, die ihr Herz schneller schlagen ließ, trotz der Gefahr.

"Wer sind Sie, Hanna? Und warum fliehen Sie?" Seine Stimme war leiser geworden, fast sanft, aber der Kern seiner Frage war hart wie Stahl. Sie spürte, wie ihre sorgfältig errichteten Mauern zu bröckeln begannen. Sie musste eine Entscheidung treffen. Lügen und weiter rennen? Oder die Wahrheit wagen und riskieren, alles zu verlieren?

Hanna schloss die Augen für einen kurzen Moment, sammelte all ihren Mut. Als sie sie wieder öffnete, war da ein neuer Entschluss in ihrem Blick. Sie nahm seine Hand, die immer noch in der Luft schwebte, und legte ihre eigene darüber. Ihre Finger verschränkten sich. Es war ein winziger Akt des Vertrauens, ein gefährlicher Schritt ins Unbekannte. Doch gerade als sie anfangen wollte zu sprechen, hörte sie es – das Knacken eines Astes in der Nähe. Jemand war im Gebüsch versteckt. Sie waren nicht allein.

Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie riss ihre Hand von seiner und stieß ihn leicht zurück. "Wir müssen hier weg!", zischte sie, ihre Stimme voller plötzlicher Panik. Doch Clemens schien nicht zu reagieren, sein Blick war auf die dunkle Stelle im Garten gerichtet, aus der das Geräusch gekommen war. Dann drehte er sich langsam zu ihr um, seine Augen verengt. "Wer hat Sie geschickt, Hanna?"