Explosive Wahrheit
Chapter 3 — Der Schatten auf dem Foto
Der Geruch von verbranntem Gummi und feuchtem Beton hing noch immer in der Luft, eine makabre Erinnerung an die Nacht, in der ihr Plan, Konstantin Volkov zur Strecke zu bringen, in Flammen aufgegangen war. Drei Tage waren vergangen, aber das Bild brannte sich immer wieder in Helenas Gedanken: Felix, ihr Feind, ihr Verräter, der ihr mit einem kalten Lächeln den Rücken zuwandte, während er den Mann, den sie hasste, in die Dunkelheit führte. Und dann dieses Foto. Ein Foto, das alles in Frage stellte, was sie über ihn zu wissen glaubte.
Sie schloss die Augen und versuchte, sich auf Alinas Worte zu konzentrieren, doch Felix' Lächeln und das Gesicht der unbekannten Frau auf dem Bild waren wie eingebrannt. Alina saß ihr gegenüber im spärlich beleuchteten Wohnzimmer ihrer Kreuzberger Wohnung. Die Schatten der Nachmittagssonne tanzten auf den staubigen Möbeln und ließen die Wohnung noch trostloser erscheinen, als sie ohnehin schon war. Alina, die Tochter des Mannes, der ihr alles genommen hatte, wirkte hier, abseits der glitzernden Fassade der Volkov-Welt, zerbrechlich. Ihre Augen waren rot unterlaufen, ihre Hände zitterten leicht, als sie eine Tasse kalten Tee umklammerte.
„Er hat alles zerstört, was mir lieb war“, flüsterte Alina, ihre Stimme rau. „Aber Felix… Felix ist schlimmer. Er ist ein Monster hinter einer Maske.“
Helena spürte einen Stich des Zweifels. Konnte sie Alina glauben? Sie war die Tochter des Mannes, den sie vernichten wollte. Ihre Worte konnten ein Teil eines größeren Spiels sein. Aber dann war da dieses Foto. Die Frau auf dem Foto sah nicht aus wie eine Komplizin. Sie sah aus… verletzlich. Und das Kind, das sie hielt, die kleinen, unschuldigen Augen… Hatte Felix eine Familie? Ein Leben, das nichts mit der brutalen Unterwelt zu tun hatte, die Helena zu zerschlagen gedachte?
„Ein Monster?“, wiederholte Helena langsam. „Was meinst du damit, Alina? Was hat Felix getan?“
Alina schluckte schwer. „Er… er war immer Konstantins Schatten. Ruhig, berechnend. Aber hinter verschlossenen Türen… er ist grausam. Er genießt es, Macht über andere auszuüben. Mein Vater ist ein Tyrann, ja, aber Felix… er ist kalt. Er hat keine Grenzen.“ Sie blickte Helena direkt in die Augen. „Er hat mir auch gedroht. Als ich versucht habe, mit meinem Vater zu sprechen. Er hat mir gezeigt… er hat mir gezeigt, was er mit denen macht, die ihm im Weg stehen.“
Ein eisiger Schauer lief Helena über den Rücken. Sie hatte Felix als berechnend und skrupellos kennengelernt, aber ihre Konfrontationen waren bisher auf den Kampf um Macht und Kontrolle beschränkt geblieben. Sie hatte ihn nie als sadistisch erlebt. Aber die Angst in Alinas Augen war echt. Und sie erinnerte sie an die Angst in den Augen ihres Vaters, kurz bevor er…
„Und die Frau auf dem Foto?“, fragte Helena, ihre Stimme leiser. „Wer ist sie?“
Alina zögerte. „Ich weiß es nicht genau. Gerüchte besagen… eine frühere Geliebte. Vielleicht… vielleicht hat er ein Kind mit ihr. Aber er hat sie immer geheim gehalten. So wie er alles geheim hält. Er ist ein Meister der Täuschung, Helena. Er hat dich benutzt. Er hat mich benutzt.“
Benutzt. Das Wort hallte in Helenas Kopf wider. Ihr Racheplan, ihre sorgfältig ausgearbeitete Entführung, alles schien plötzlich brüchig. Felix hatte sie nicht nur entkommen lassen, er hatte sie aktiv getäuscht. Aber warum? Warum Volkov retten? Und warum dieses Foto zeigen? War es ein Warnsignal? Eine Drohung? Oder ein verzerrter Versuch, etwas zu offenbaren?
Ein Klingeln riss sie aus ihren Gedanken. Es war ihr Handy. Ein unbekannter Anrufer. Eine Stimme, tief und ruhig, aber mit einer untergründigen Kälte, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Graf. Sie spielen ein gefährliches Spiel. Und Sie haben die falschen Leute verärgert.“
Bevor Helena antworten konnte, legte die Stimme auf. Ihr Herz pochte wild. Wer war das? War es Volkov? Oder jemand ganz anderes? Ihr Blick wanderte zu Alina, deren Gesicht blass geworden war. „Ich glaube, sie haben uns gefunden“, flüsterte Alina. „Diejenigen, vor denen Felix mich gewarnt hat.“
Ein Schatten fiel über das Fenster. Zuerst dachte Helena, es sei nur die untergehende Sonne, aber dann bemerkte sie die Silhouette einer Person, die sich langsam bewegte. Eine Gestalt, die sie nur zu gut kannte. Felix von Treuberg. Er stand regungslos da, sein Gesicht im Zwielicht verborgen, aber Helena spürte seinen Blick auf sich, auf Alina, auf das Chaos, das er hinterlassen hatte.
Sie sprang auf. „Wir müssen hier raus!“
Doch bevor sie reagieren konnten, zersprang das Glas des Fensters mit einem ohrenbetäubenden Krachen. Kugeln schlugen in die Wand neben ihnen ein. Helena stieß Alina zu Boden, zog ihre eigene versteckte Waffe und suchte Deckung hinter dem Sofa. Felix war nicht hier, um sie zu schützen. Er war gekommen, um… was?
Die Tür zu ihrer Wohnung wurde aufgerissen. Mehrere Männer stürmten herein, ihre Gesichter maskiert, ihre Waffen im Anschlag. Sie waren schnell, professionell. Nicht Volkovs Leute. Und nicht Felix' Leute, da war sie sich sicher.
„Sie gehört uns“, knurrte einer der Männer und deutete auf Alina.
Helena feuerte einen Schuss ab, der knapp an seinem Kopf vorbeizischte. Panik ergriff sie. Sie war gefangen. Volkov war entkommen, Felix hatte sie verraten, und nun waren unbekannte Angreifer hinter Alina her. Und mitten im Kugelhagel, als sie gerade dabei war, den nächsten Schuss abzugeben, fiel ihr Blick auf die Ecke des Raumes, wo Felix' Foto noch auf dem Tisch lag. Nur dass es jetzt nicht mehr nur ein Foto war. Eine Hand ragte aus dem Schatten hinter dem zerstörten Fenster und zog das Bild zu sich heran. Eine Hand, die sie kannte. Aber es war nicht Felix' Hand.
Es war die Hand der Frau auf dem Foto.