Maxton Hall: was die Mona-Kasten-Verfilmung über den deutschen Romance-Markt beweist

Mona Kastens Save-Me-Trilogie als Prime-Video-Hit ist nicht nur ein Adaptions-Erfolg. Es ist der erste Beweis, dass deutsche New-Adult-Romance eine TV-Pipeline

Cora Maibaum · 10 Min. Lesezeit ·
Maxton Hall: was die Mona-Kasten-Verfilmung über den deutschen Romance-Markt beweist — Trends

Im Mai 2024 strahlte Prime Video Deutschland eine sechsteilige Serie aus, die unter dem Titel Maxton Hall – Die Welt zwischen uns das größte deutschsprachige Streaming-Debüt des Jahres wurde. Innerhalb einer Woche stand sie auf Platz eins der nicht-amerikanischen Prime-Charts und erreichte international eine Reichweite, die deutschen Streaming-Produktionen vorher nicht gelungen war. Die Vorlage war eine Romance-Trilogie der deutschen Autorin Mona Kasten, geschrieben zwischen 2018 und 2019, gelesen von Millionen, aber bis dato außerhalb der Buchszene praktisch unbekannt.

Damit hat sich auf dem deutschen Markt etwas verändert, das die Verlage selbst nicht erwartet hatten und das in den nächsten fünf Jahren das gesamte Romance-Geschäft auf Deutsch umstellen wird. Maxton Hall ist nicht nur ein Adaptions-Erfolg. Es ist der erste vollständige Beweis, dass deutsche New-Adult-Romance eine TV-Pipeline hat, die vorher faktisch nicht existierte.

Was der deutsche Markt vorher nicht hatte

Die amerikanische Romance-Industrie hat seit Jahrzehnten einen klaren Verwertungspfad: Wattpad-Hit, Self-Publishing-Erfolg, Verlagsdeal, Hollywood-Option, Verfilmung, zweite Bestseller-Welle. E.L. James, Anna Todd, Colleen Hoover. Sie alle sind diesen Pfad gegangen, und die Filme oder Serien, die daraus entstanden, haben die Bücher noch einmal in völlig neue Reichweiten gehoben. It Ends With Us verkaufte sich nach dem Film 2024 noch einmal in Größenordnungen, die das Buch in den sieben Jahren davor nicht erreicht hatte.

Auf Deutsch existierte dieser Pfad nicht. Mona Kasten ist seit ihren Anfangsjahren die mit Abstand erfolgreichste deutsche New-Adult-Autorin. Sarah Sprinz, Bianca Iosivoni, Lana Rotaru und einige andere verkauften jährlich Hunderttausende von Büchern. Aber Hollywood-Adaptionen passierten nicht. Deutsche Fernsehproduktion ignorierte das Genre weitgehend. Die deutschen Streaming-Tochterunternehmen kauften lieber amerikanische Romance-Rechte ein, als selbst zu produzieren. Die Romance-Verlage selbst hatten keine Adaptions-Abteilungen, die aktiv Producer-Pitches betrieben.

Das hatte strukturelle Gründe. Deutsche TV-Produktion war historisch literarisch orientiert. Bestseller-Adaptionen passierten bei Hardcover-Krimis und literarischer Belletristik, nicht bei Genre-Romance. Und Genre-Romance war auf dem deutschen Markt bis vor wenigen Jahren als „triviales Frauenbuch” kategorisiert, also als Stoff, der Prestige-orientierten Producern keinen Wert versprach.

Warum gerade Mona Kasten

Die Save-Me-Trilogie war von Anfang an ein ungewöhnlicher Fall. Mona Kasten hatte mit der Begin-Again-Reihe ihren Durchbruch geschafft, und das Setting war College-Campus in den USA, also American NA auf Deutsch geschrieben. Save Me, das 2018 erschien, brach mit diesem Format. Setting: ein elitäres britisches Internat namens Maxton Hall. Hauptfiguren: eine deutsche Stipendiatin und ein britischer Aristokraten-Erbe. Geschrieben auf Deutsch, gedacht für einen deutschsprachigen Markt, aber mit einer Welt, die jede internationale Adaption mühelos tragen würde.

Das war Strategie, nicht Zufall. Kasten hatte verstanden, dass deutsche Romance im internationalen Look skaliert. Begin Again spielte in Amerika und las sich wie eine US-NA-Romance auf Deutsch. Save Me spielte in England und las sich wie Pride and Prejudice trifft auf modernes BookTok. Beide Bücher waren in ihrer Konzeption bereits adaptionstauglich, aber Save Me war es deutlicher.

Prime Video Deutschland kaufte die Rechte. Die Produktion dauerte mehrere Jahre. Sechsstellige Investitionen, Drehorte in England, Casting mit Damian Hardung als James und Harriet Herbig-Matten als Ruby. Beide waren vorher kleine TV-Bekanntheiten, beide wurden nach der Serie BookTok-Stars mit Millionenreichweite. Der Trailer ging im April 2024 viral, bevor die Serie überhaupt startete. Die Bücher wurden noch einmal millionenfach gedruckt, sechs Jahre nach ihrem Originalerscheinen.

Das Wohnzimmer, in dem das Buch und die Serie auf demselben Tisch landen.
Das Wohnzimmer, in dem das Buch und die Serie auf demselben Tisch landen.

Was die Adaption tatsächlich verändert hat

Auf der Ebene der Verkaufszahlen: Maxton Hall S1 ließ die Save-Me-Trilogie in der ersten Adaptions-Woche zurück in die Top-10 der deutschen Belletristik-Charts springen. Lyx druckte mehrere neue Auflagen innerhalb eines Monats. Foreign-Rights-Verkäufe, die jahrelang stagniert hatten, flippten plötzlich in mehrere Sprachen. Die englische Übersetzung der Trilogie, an der zuvor keiner ein Interesse gehabt hatte, kam in Bewegung. Diese Reihenfolge gab es bis dato auf dem deutschen Markt nicht: deutsche Romance erst in Hollywood-Format adaptiert, dann ins Englische übersetzt.

Auf der Ebene der Sichtbarkeit: BookTok DE, der jahrelang weitgehend amerikanische Bücher diskutiert hatte, hatte plötzlich Save Me als das meistdiskutierte deutsche Buch der Saison. Ältere Mona-Kasten-Leserinnen, die längst weitergezogen waren, kamen zurück. Jüngere Leserinnen, die noch nie ein deutsches NA gelesen hatten, kauften jetzt Lyx-Bücher mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie vorher Penelope Douglas auf Englisch gekauft hatten.

Auf der Ebene der Industrie: dieser Effekt sprach sich schnell herum. Deutsche Produktionsfirmen und Streaming-Anbieter begannen Lyx-Kataloge mit anderen Augen zu lesen. Romance-Imprints, die zehn Jahre lang keine Adaptions-Abteilung gebraucht hatten, fingen an, welche zu bauen.

Was die zweite Staffel bestätigt hat

Wenn die erste Staffel ein Glücksfall hätte sein können, war die zweite Staffel Ende 2024 der Beweis, dass es kein Glücksfall war. Sie war wieder Prime-Video-Top-1 international, und die Buchverkäufe stiegen erneut. Diesmal war die Industrie vorbereitet. „Buch zur Serie”-Editionen lagen in den Buchhandlungen, bevor die Serie überhaupt startete. Mona Kasten war zum kulturellen Bezugspunkt geworden, den sie als reine Romance-Autorin nie hatte sein müssen.

Die deutsche Romance-Industrie hatte zehn Jahre lang keine Adaptions-Abteilung. Innerhalb von zwölf Monaten haben alle eine.

Was das für deutsche Autorinnen heißt

Die Karrierearithmetik hat sich verändert. Vor Maxton Hall war die Maximalkurve einer deutschen NA-Autorin folgende: schreibe einen Bestseller, verkaufe hunderttausend Exemplare, lebe gut von den Tantiemen, schreibe das nächste Buch. Nach Maxton Hall sieht die Maximalkurve so aus: schreibe einen Roman mit international skalierbarem Setting, gewinne eine Streaming-Option, sieh deine Buchverkäufe um das Zwei- bis Dreifache zurückspringen, und verkauf nebenbei deine Foreign Rights in zwanzig Sprachen, weil ein TV-Format die Aufmerksamkeit dorthin lenkt.

Diese Mathematik ist neu. Sie ändert, was deutsche Romance-Autorinnen schreiben. Der Maßstab, an dem ein neuer NA-Stoff im Verlagsgespräch gemessen wird, ist seit Maxton Hall implizit „würde sich das verfilmen lassen”, nicht mehr nur „würde sich das verkaufen”. Wattpad-Schreiberinnen, die jahrelang amerikanische College-Settings imitiert hatten, beginnen europäische Internats- und Aristokraten-Stoffe zu entwickeln. Die nächste Welle deutscher NA-Romance wird visuell anders aussehen als die Begin-Again-Phase. Sie wird aussehen wie Maxton Hall.

Was als nächstes kommt

Die Industrie hat das Modell verstanden, aber sie hat noch keinen zweiten Hit. Maxton Hall ist die einzige Adaptions-Erfolgsgeschichte einer deutschen NA-Autorin auf internationaler Streaming-Skala. Bis zur zweiten ist es ein Weg. Mehrere deutsche NA-Autorinnen haben jetzt Optionen, aber Optionen werden nicht immer zu Serien. In zwei Jahren wird sich zeigen, ob Maxton Hall ein einzelner Ausreißer war oder der Beginn eines deutschen NA-zu-Streaming-Pipelines, der mit Hollywood-Skalierung mithalten kann.

Für die deutschen Leserinnen heißt das in der Zwischenzeit eines: deutsche Romance ist nicht mehr ein Buch-Genre. Sie ist eine Industrie, die jetzt erwartet, von Bildern begleitet zu werden. Die Buchhandlungen wissen das. Die Streaming-Anbieter wissen es. Die Autorinnen wissen es. Was sie noch nicht alle wissen, ist, was das langfristig bedeutet: eine Generation deutscher Romance-Autorinnen, die nicht mehr nur für Leserinnen schreibt, sondern auch für Adaptionen.

Ob das gut ist, wird sich zeigen.

Wo das anfängt

Die Mona-Kasten-Trilogie, die Maxton Hall zugrunde liegt, ist in jeder deutschen Buchhandlung und in jedem Online-Katalog verfügbar. Die anderen Namen sind die deutschen NA-Autorinnen, deren Werk seit Maxton Hall mit anderen Augen gelesen wird.

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Geschrieben von
Cora Maibaum
schreibt über Romance-Trends, BookTok und die Verlagsindustrie.