Romantasy auf Deutsch: warum wir das Genre fast nur übersetzt lesen

Auf dem Romantasy-Tisch bei Thalia stehen Maas, Yarros, Armentrout. Eine deutsche Autorin findest du selten. Warum die Fantasy-Tradition von Funke und Hohlbein

Henriette Falk · 10 Min. Lesezeit ·
Romantasy auf Deutsch: warum wir das Genre fast nur übersetzt lesen — Trends

Geh in eine Thalia, eine Hugendubel, eine beliebige Filialbuchhandlung mit einem Romantasy-Tisch. Lies die Namen auf den Buchrücken. Maas. Yarros. Armentrout. Clare. Bardugo. Holland. Vier von fünf Namen werden amerikanisch sein. Die meisten Bücher werden in den letzten drei Jahren aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden sein. Manche werden bereits in der sechsten Auflage stehen. Die deutsche Autorin, die du suchst, wirst du selten finden.

Das ist eine ungewöhnliche Situation. Deutschland hat eine eigene, sehr starke Fantasy-Tradition. Es hat eine ebenso starke Romance-Tradition. Beide existieren seit Jahrzehnten und produzieren jährlich Bestseller. Trotzdem entsteht Romantasy auf Deutsch fast ausschließlich als Übersetzungslesung. Wie kann das sein?

Die deutsche Fantasy-Tradition lief ohne Romance

Die deutsche Fantasy der späten Neunziger und frühen Zweitausender war groß, einflussreich und männlich dominiert. Wolfgang Hohlbein verkaufte über die Jahre Millionen von Büchern, vor allem im YA-Bereich. Cornelia Funkes Tintenherz (2003) wurde internationaler Bestseller und definierte für eine Generation, was deutsche Fantasy bedeuten konnte: gelehrt, atmosphärisch, mit Büchern als Helden. Markus Heitz' Die Zwerge (2003) und Bernhard Hennens Die Elfen (2004) füllten die Hochregale mit massiven Hardcovern voller Schlachten und Reichsgeschichten.

Was diese Tradition selten enthielt, war eine zentrale Liebeshandlung. Wenn Romance vorkam, dann als Nebenstrang, oft schamhaft kurz, oft als Belohnung für den Helden am Ende. Eine Heldin, deren Liebesleben die Architektur des Buches war, war praktisch nicht zu finden.

Das war Strategie der Verlage, nicht Zufall. Klett-Cotta mit Hobbit Presse, Heyne, Knaur, Goldmann mit ihrer SF-Fantasy-Reihe verkauften Fantasy vorwiegend an männliche Leser, und das Marketing ging entsprechend in diese Richtung. Romance wurde als marktschädigend für Hardcover-Fantasy wahrgenommen, und kein Verleger wollte diese Wahrnehmung testen.

Romance auf Deutsch entwickelte sich parallel, aber strikt getrennt

Auf dem anderen Buchhandlungstisch passierte gleichzeitig etwas Wichtiges. Lyx, das Romance-Imprint von Bastei Lübbe, baute über die Zehnerjahre eine deutsche Romance-Infrastruktur auf, die es vorher nicht gegeben hatte. Mira Taschenbuch (Harlequin Deutschland) und Lyx-eigene Reihen importierten amerikanische Romance massiv. Aber sie förderten auch deutsche Autorinnen, die zuvor keinen Platz hatten.

Die größte deutsche Romance-Erfolgsgeschichte der späten Zehnerjahre heißt Mona Kasten. Begin Again (2018) verkaufte sich millionenfach, die Erfolgsformel war New Adult Contemporary, das Setting meistens College-Campus, die Stimmung angemessen heiß. Sarah Sprinz und eine Reihe weiterer Autorinnen folgten mit ähnlichen Strukturen. Was sie alle gemeinsam hatten: sie schrieben Romance, nicht Fantasy. Sie schrieben Contemporary, nicht magisch.

Vereinzelte deutsche Autorinnen griffen in beide Felder gleichzeitig. Bianca Iosivonis YA-Reihen probierten Fantasy-Romance-Ansätze, bevor das Wort Romantasy auf Deutsch existierte. Asuka Lionera schrieb Fantasy mit zentraler Romanze bei kleineren Imprints. Aber kein deutscher Verlag baute eine konsistente Pipeline für Fantasy-Romance-Hybride. Die zwei Lager blieben strikt getrennt. Hier Tintenherz, dort Begin Again. Dazwischen praktisch nichts.

Maas kam, und alle waren überrascht

Als dtv Anfang der Zehnerjahre begann, Sarah J. Maas' Throne of Glass-Reihe ins Deutsche zu bringen, war das eine vorsichtige Akquisition. Hochwertige YA-Fantasy, weiblicher Lead, Bloomsbury-Pedigree, vertrauenswürdig genug für eine Erstauflage. Niemand sah voraus, was 2017 passieren würde, als A Court of Thorns and Roses unter dem Titel Das Reich der sieben Höfe auf Deutsch erschien.

Der zweite Band, Flammen und Finsternis (2018), wurde zum Phänomen. Plötzlich war eine ganze Generation von Romance-Leserinnen auf dem Fantasy-Tisch zu finden. BookTok hatte das Buch in beiden Sprachen entdeckt. Deutsche Leserinnen, die jahrelang Mona Kasten gelesen hatten, kauften zum ersten Mal absichtlich Fantasy.

Das Fantasy-Regal antwortete nicht sofort. Die Romance-Verlage wussten nicht recht, wie sie reagieren sollten. In den darauffolgenden vier Jahren entstand auf dem deutschen Markt eine neue Kategorie, die die Verlage selbst nicht hatten kommen sehen. Rebecca Yarros' Fourth Wing (2023) bekam mit etwa einem Jahr Verzögerung seine deutsche Ausgabe. dtv erweiterte sein Maas-Programm. Lyx fügte fantastische Romance-Reihen hinzu, die sie zuvor an Mira oder andere Imprints abgegeben hätten. Die Kategorie „Romantasy” tauchte auf Verlagswebsites auf, als sei sie schon immer dort gewesen.

Warum die deutsche Pipeline fehlt

Auf dem englischsprachigen Markt war die Romantasy-Pipeline organisch entstanden. Wattpad-Schreiberinnen, die seit Anfang der Zehnerjahre Twilight-Fan-Fiction in Originalprosa umgewandelt hatten, wurden zu Self-Publishing-Erfolgen, die wiederum von kleinen Imprints aufgekauft wurden, die wiederum von großen Häusern absorbiert wurden. Penelope Douglas, Ana Huang, Rina Kent und ein Dutzend andere kamen aus diesem Kreislauf.

Auf Deutsch existiert eine ähnliche Pipeline für Contemporary New Adult. Mona Kasten und Sarah Sprinz sind beide daraus entstanden. Aber die Pipeline für Romantasy-spezifische Autorinnen fehlt. Wenn eine deutsche Wattpad-Autorin Fantasy schreibt, wandert sie selten in den Romantasy-Markt. Eher schreibt sie YA-Fantasy ohne zentrale Liebeshandlung, weil ihre Vorbilder Funke und Hohlbein sind, nicht Maas und Yarros. Die Vorlagen ihrer Jugend zeigten ihr eine Fantasy ohne Romance-Architektur, und sie schreibt das nach, was sie kennt.

Es gibt Ausnahmen. Asuka Lionera produziert seit Jahren deutsche Fantasy-Romance bei kleineren Imprints. Laura Kneidl, Lena Kiefer und einige andere Autorinnen veröffentlichen Bände mit Romantasy-Strukturen. Aber keine dieser Autorinnen hat den Maßstab erreicht, den Mona Kasten im Contemporary erreicht hat. Der Massenmarkt-Romantasy-Star aus Deutschland existiert noch nicht.

Vier von fünf Namen auf dem Romantasy-Tisch sind amerikanisch. Die deutsche Autorin wirst du selten finden.
Drei Jahrzehnte Fantasy auf dem deutschen Markt — und kaum eine deutsche Romantasy darunter.
Drei Jahrzehnte Fantasy auf dem deutschen Markt — und kaum eine deutsche Romantasy darunter.

Was das für deutsche Leserinnen bedeutet

Praktisch heißt das: die meisten deutschen Romantasy-Leserinnen leben in zwei Versionen desselben Marktes. Die ungeduldigeren lesen das englische Original, mit den US-Releaseterminen. Die anderen warten zwölf bis achtzehn Monate auf die deutsche Übersetzung. BookTok DE und BookTok US laufen parallel, aber zeitversetzt. Eine Diskussion, die im April 2024 auf amerikanischem TikTok stattfand, beginnt auf deutschem TikTok im November 2024.

Für die Autorinnen heißt das: deutsche Leserinnen, die das Genre lieben, lesen nicht zwingend deutsche Autorinnen. Sie lesen die übersetzten Originale. Eine deutsche Romantasy-Autorin muss nicht nur mit anderen deutschen Autorinnen konkurrieren. Sie konkurriert mit der gesamten US-Industrie, die der deutsche Markt schneller importiert als sich selbst kultiviert.

Für die Verlage heißt das: Romantasy ist auf Deutsch ein Lizenz-Geschäft. dtv und die großen Random-House-Imprints kaufen US-Rechte ein. Lyx fügt Übersetzungen hinzu. Lokale Akquisitionen passieren in kleinerem Umfang, weil das Risiko größer und der bestehende Markt-Hunger durch Importe gesättigter ist. Es lohnt sich wirtschaftlich, eine bereits bewährte US-Reihe zu übersetzen, statt eine unbekannte deutsche Stimme aufzubauen.

Wann sich das ändert

Wahrscheinlich nicht bald, und doch wird es passieren. Die organischen Bedingungen für eine deutsche Romantasy-Welle existieren noch nicht: eine Generation deutscher Autorinnen, die mit Maas und Yarros statt mit Hohlbein und Funke aufgewachsen sind und ihre eigenen Versionen schreiben wollen. Diese Autorinnen sind jetzt Anfang zwanzig. In fünf bis sieben Jahren werden sie schreiben.

In der Zwischenzeit wird das Regal weiter aus Übersetzungen bestehen. Yarros' nächster Band kommt mit Verzögerung. Die nächste US-BookTok-Sensation wird zwölf Monate später auf Deutsch erscheinen. Lyx und dtv werden weitere amerikanische Rechte einkaufen. Random-House-Imprints werden das Premium-Hardcover-Segment besetzen.

Und irgendwann zwischen 2028 und 2030 wird eine deutsche Autorin ein Romantasy-Debüt schreiben, das nicht den Filter durchläuft „kann sich auf Deutsch verkaufen”, sondern „hätte sich auch auf Englisch verkaufen können”. Dieses Buch wird sich in beide Richtungen verkaufen. Es wird übersetzt nach Amerika gehen. Und dann fängt eine Pipeline an, die heute noch fehlt.

Bis dahin: lest die Übersetzungen, wisst, dass die Lücke da ist, und beobachtet die kleinen Imprints. Da liegen die Hinweise.

Die deutschen Autorinnen, die im Romantasy-Übergang arbeiten: Bianca Iosivoni (YA und Fantasy-Romance), Asuka Lionera (deutsche Fantasy-Romance bei kleineren Imprints), Laura Kneidl und Lena Kiefer. Und die Importe, die das Regal definieren: Sarah J. Maas — Das Reich der sieben Höfe und Rebecca Yarros — Fourth Wing.

H
Geschrieben von
Henriette Falk
schreibt über Gothic Romance und die Tropen, die jede Generation überleben.