Wattpad, Inkitt und der deutsche Romance-Pipeline

Inkitt sitzt in Berlin und betreibt einen der weltweit größten algorithmischen Romance-Verlage. Wattpad DE hat eine massive Community. Warum die Teile nebeneina

Tobias Reuter · 10 Min. Lesezeit ·
Wattpad, Inkitt und der deutsche Romance-Pipeline — Trends

Es gibt in Berlin einen Romance-Verlag, der mehr Daten über das Leseverhalten seiner Leserinnen hat als jeder klassische deutsche Verlag. Er operiert von einem Berliner Büro aus, hat in den letzten Jahren mehrere Bücher zu zweistelligen Millionen-Downloads gebracht, und sein Name ist Inkitt. Es ist kein deutscher Verlag in dem Sinne, in dem Lyx oder dtv deutsche Verlage sind. Inkitt veröffentlicht fast ausschließlich auf Englisch.

Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine Wattpad-Community, die seit über zehn Jahren amateurhafte Romance- und Fantasy-Texte produziert, in Hunderten von Sprachen, mit einem deutschen Sub-Markt, der vor einer Dekade Mona Kasten und Bianca Iosivoni mit hervorgebracht hat. Es gibt also alle Bestandteile eines hochmodernen Selfpub-Pipelines für deutsche Romance: eine Massenplattform für Amateurinnen, eine algorithmisch betriebene Startup-Maschine, eine reife traditionelle Verlagsindustrie, und in Berlin sogar das Headquarter eines globalen Players. Was es nicht gibt, ist die Verbindung zwischen diesen Teilen.

Was Wattpad in Deutschland tatsächlich macht

Wattpad wurde 2006 in Toronto gegründet und gehört seit 2021 der südkoreanischen Naver-Gruppe. Die Plattform ist auf Deutsch komplett verfügbar, die deutsche Community zählt zu den größten in Europa, und sie liest hauptsächlich Romance: Werewolf-Mate-Geschichten, Bad-Boy-NA, vampirische Liebesdreiecke, alles, was englischsprachige Wattpad-Reader auch lesen, in deutschen Übersetzungen oder als Originalwerke von deutschen Hobbyautorinnen.

Was Wattpad DE nicht ist: ein Pipeline. Es gibt keine Akquisitions-Abteilung, die deutsche Verlage systematisch auf vielversprechende deutsche Wattpad-Hits aufmerksam macht. Wenn eine deutsche Wattpad-Autorin von einem deutschen Verlag entdeckt wird, dann meistens über persönliche Netzwerke, Buchblogger, oder schlichtes Glück. Mona Kasten war ein Glücksfall, und Lyx hat aus diesem Glücksfall gelernt. Aber das System, das in den USA mit Anna Todd und Penelope Douglas und einem Dutzend anderer dasselbe Muster wiederholt hat, existiert auf Deutsch nicht in dieser Form.

Wattpad DE produziert Talent. Was fehlt, ist die Maschine, die dieses Talent zuverlässig in den Verlagsmarkt schleust.

Was Inkitt in Berlin macht

Inkitt wurde 2013 von Ali Albazaz in Berlin gegründet, und das ist die erste Information, die jeden überraschen sollte, der annimmt, deutsche Tech-Startups würden konservative Branchen wie Verlagswesen meiden. Inkitt fing als Schreib-Community an, ähnlich wie Wattpad: Hobbyautoren laden Geschichten hoch, Leser kommentieren und voten, populäre Titel steigen nach oben. Innerhalb weniger Jahre pivotierte das Unternehmen zu einem datengetriebenen Verlag. Ein Algorithmus identifiziert in den Inkitt-Lesedaten, welche Stories Hit-Potenzial haben, das Team poliert diese Titel professionell, und sie werden über die Galatea-App, die Inkitt etwas später lancierte, als interaktive Serien-Romane mit Push-Benachrichtigungen, Sound-Effekten und Daily-Cliffhangern publiziert.

Die Strategie hat funktioniert. Inkitt-Titel haben in den Genres Romance, Werewolf-Paranormal, Dark-Romance und Mafia zweistellige Millionen-Reichweiten erzielt. Mehrere wurden zu Buch-Ausgaben weiterentwickelt, einige zu TV-Optionen.

Was an dieser Geschichte aus deutscher Perspektive interessant ist, ist nicht die Größe. Es ist die Sprache. Inkitt publiziert fast ausschließlich auf Englisch. Die Plattform ist auf Englisch konzipiert. Die Galatea-App liefert englische Inhalte. Das Akquisitions-Team sucht englischsprachige Autorinnen. Es gibt keine systematische deutsche Inkitt-Pipeline. Berlin ist die Adresse auf dem Firmenpapier, nicht der Markt.

Der Übergang zwischen App und Druck: wo der Pipeline auf Deutsch immer noch persönlich ist.
Der Übergang zwischen App und Druck: wo der Pipeline auf Deutsch immer noch persönlich ist.

Warum Inkitt sich entschieden hat, kein deutscher Verlag zu werden

Die Entscheidung ergibt aus Sicht des Unternehmens völlig Sinn. Der englischsprachige Romance-Markt ist um eine Größenordnung größer als der deutschsprachige. Der englischsprachige Werewolf-Romance-Markt allein hat einen großen digitalen Massenmarkt mit substanziellem Umsatz pro Jahr. Wenn man eine algorithmisch getriebene Plattform baut, die Hit-Wahrscheinlichkeit maximieren will, optimiert man für den größten Markt, nicht für den geografisch nächsten.

Es kommt hinzu, dass deutsche Romance-Leserinnen, die digital lesen, ohnehin häufig englischsprachige Bücher konsumieren, oft direkt parallel zur Originalveröffentlichung. Inkitt erreicht deutsche Leserinnen also indirekt über englische Inhalte, ohne lokalisieren zu müssen. Für ein Tech-Startup mit Skalierungs-Imperativ ist Lokalisation kostspielig und marginal profitabel. Für deutsche Selfpub-Autorinnen ist diese Entscheidung allerdings eine geschlossene Tür.

Was das für deutsche Selfpub-Autorinnen bedeutet

Eine deutsche Wattpad-Autorin, die heute Romance schreibt und gehört werden möchte, steht vor mehreren parallelen Optionen, von denen keine ein klarer Pfad ist. Sie kann auf Wattpad weiterveröffentlichen und hoffen, dass ein Lyx-Lektor zufällig auf sie aufmerksam wird. Sie kann zu Amazon KDP wechseln und selbst publizieren, mit dem Nachteil, dass die deutsche KDP-Community fragmentierter und kleiner ist als die englischsprachige. Sie kann auf BookRix oder Tolino Selfpublishing veröffentlichen, die Reichweite haben, aber kein algorithmisches Discovery-System, das mit Inkitt vergleichbar wäre. Sie kann auf Englisch schreiben, um in den globalen Algorithmus zu kommen, aber damit verliert sie ihre deutsche Stimme und ihre deutsche Community.

Praktisch heißt das: deutsche Selfpub-Romance-Autorinnen arbeiten in einem Markt, der vermutlich genauso viel rohes Talent hat wie der englischsprachige, aber nicht annähernd dieselbe Verwertungsinfrastruktur. Die Discovery passiert langsamer. Die Datenanalyse zur Optimierung gibt es kaum. Die Skalierung erfolgt über kleinere Verlage und persönliche Netzwerke, nicht über algorithmische Hit-Vorhersage.

Berlin hat die Technologie, die deutsche Romance industrialisieren könnte. Sie richtet sie nach außen aus.

Der unsichtbare deutsche Selfpub-Markt

Der deutsche Selfpub-Markt ist nicht klein. Er ist fragmentiert. Amazon KDP DE hat eine substanzielle Selbstverleger-Community. Tolino Selfpublishing, gegründet als Antwort von deutschen Buchhändlern auf Amazon, hat eigene Bestseller-Listen. BookRix existiert seit 2008 und betreibt eine Plattform, die mehrere deutsche Romance-Autorinnen hervorgebracht hat. Twentysix, gegründet als Random-House-Selfpub-Imprint, bietet ein gehobenes Selfpub-Modell für deutsche Autorinnen.

Was diese Plattformen gemeinsam haben: keine hat den Algorithmen-Vorsprung von Inkitt, keine hat die Massen-Akquisitions-Reichweite von Wattpad, und keine hat eine etablierte Verbindung zu den großen Romance-Verlagen wie Lyx oder Heyne. Der deutsche Selfpub-Markt existiert in Parallelstrukturen, die selten zusammenfließen.

Das hat historische Gründe. Die deutsche Buchhandelskette ist konservativer als die amerikanische, mit weniger Bereitschaft, Selfpub-Autorinnen in Filialen aufzunehmen. Die deutsche Verlagsbranche hat noch lange eine Skepsis gegenüber digitalen Plattformen gepflegt, die in den USA längst überwunden ist. Und die deutschen Leserinnen, die digital sind, kaufen häufiger Übersetzungen oder englische Originale als deutsche Selfpub-Werke.

Was sich verändern müsste

Damit Deutschland eine echte digitale Romance-Pipeline bekommt, müsste eines von zwei Dingen passieren. Entweder ein deutscher Player baut, was Inkitt gebaut hat, aber für den deutschsprachigen Markt: eine Plattform mit algorithmischem Discovery, professionellem Polishing-Service und Direktverbindung in den traditionellen Verlagsmarkt. Das setzt Investorengeld voraus, das in Deutschland für Romance-Tech-Startups historisch nicht geflossen ist, weil Romance als Genre in Tech-Investor-Kreisen unterschätzt wird.

Oder Lyx, Heyne und die anderen traditionellen Romance-Verlage bauen formale Akquisitions-Programme für Wattpad DE auf, mit aktiven Scouts, Daten-Analyse der populären deutschen Wattpad-Texte und einem schnelleren Pfad von Plattform-Hit zu Buchausgabe. Das setzt voraus, dass diese Verlage akzeptieren, dass die nächste Generation ihrer Bestseller-Autorinnen heute auf einer Plattform schreibt, die sie nicht kontrollieren.

Beides wird wahrscheinlich passieren, aber nicht in den nächsten zwei Jahren. Bis dahin bleibt der deutsche Pipeline das, was er heute ist: eine Reihe paralleler Strukturen, die alle existieren, aber nicht zusammenfließen. Inkitt zeigt jeden Tag, was technisch möglich ist. Berlin zeigt jeden Tag, was die deutsche Tech-Industrie kann. Der deutsche Romance-Markt zeigt aber jeden Tag, dass diese beiden Welten getrennt voneinander operieren, mit Wattpad als loose connector dazwischen.

Das deutsche Pendant zu Anna Todd existiert vermutlich. Sie schreibt heute irgendwo, vielleicht auf Wattpad, vielleicht in einem Notizbuch. Die Frage ist nicht, ob sie existiert. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis irgendein System sie findet.

Wo das anfängt

Die Plattformen und Verlage, die im deutschen Selfpub-Romance-Pipeline eine Rolle spielen:

  • Wattpad (die größte amateur-Plattform für Romance, deutsche Community sehr aktiv)
  • Inkitt (Berlin-basiertes Datentech-Startup, vorwiegend Englisch)
  • Galatea (Inkitts Mobile-First-Serien-App)
  • BookRix (deutsche Selfpub-Plattform seit 2008)
  • Tolino Media (deutsche Buchhandels-Antwort auf Amazon KDP)
  • Twentysix (Random-House-Selfpub-Imprint für deutsche Autorinnen)
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Geschrieben von
Tobias Reuter
schreibt über Web-Novels und die digitale Lese-Industrie.